"Künstliche Pflanzen", sagt der Prospekt, "haben einen entscheidenden Vorteil: Sie gedeihen auch da, wo echte Pflanzen ein kümmerliches Dasein fristen. Sie wirken echt, und man muß schon ganz genau hinsehen, um einen Gummibaum als Kunstpflanze zu erkennen."

Das stimmt. Aber der Gummibaum kann – für mich jedenfalls – an Natürlichkeit sowieso nichts einbüßen. Schon immer reckte er sich seltsam starr und steif an die Decke so mancher guten Stube. Als künstliche Pflanze hat er nur den entscheidenden Vorteil, daß ihn nicht – wie sonst üblich – der Kahlschlag befallen kann. Wird er dann und wann mal abgestaubt, fristet er lange sein lebloses Dasein.

Kunstpflanzen aller Art gibt es mittlerweile. Von der Agave bis zum Zypressenbaum, von der Katzenzungenpflanze bis zur Niltalpalme rankt und grünt es in Wartezimmern,, quillt es pflegeleicht aus Büroräumen, werden Badezimmer in Südseeparadiese verwandelt und Restaurants zu Plastikdschungeln gemacht. Grünzeug für die Ewigkeit.

Hat es nicht den Echtheitsanspruch, kann es sehr schön sein. Ein gänzer Kübel weißer Tulpen – aus Plastik, made in Hongkong, Italien oder Frankreich – kann hübsche Dekoration sein; Dicke Büschel gelber Plastikrosen – als solche erkennbar – schmücken schon. Stelle ich mir allerdings vor, ich dekorierte meinen Dachgarten mit einem Plastik-Rasen, mit einer Plastik-Buchsbaummatte, einem Plastik-Goldregenbaum, einem Plastik-Kugelbaum und einer blühenden Plastik-Agave, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann mein Riechorgan verkümmert und meine Haut Kratzspuren aufweist vom Durchstreifen meines Plastik-Paradieses.

Praktisch sind sie ja, diese glänzenden, immergrünen, kalten, geruchlosen Gewächse, und über ihre vielseitige Verwendbarkeit läßt sich nicht streiten: Jedem seine Palmenidylle am Ostseestrand um den Strandkorb gruppiert, Bonsais für alle, denn zum Preis von 5,90 Mark kann sich jeder einen leisten. Und Nadelbäume machen ihrem Namen nun keine Ehre mehr. Viele Weihnachten können sie im alten neuen Glanz, erstrahlen, nach dem Motto: Raus aus dem Sack, rein in den Sack. Der Beispiele gibt es viele.

Die Preise sind allerdings nicht so gering wie die Verderblichkeit der Pflanzen. Wer eine ansehnliche Birke sein eigen nennen möchte, muß an die 300 Mark anlegen, ein Forsythienbaum oder eine propere Agave ist auch nicht billiger. Dagegen ist die üppige Weinranke für die Gartenlaube mit 20 Mark durchaus erschwinglich, und ein Palmwedel für die schwüle Sommernacht kostet gerade zwei Mark.

Wer kauft nun solche .leblose Pracht? Hauptsächlich Firmen und Architekten. Büros, Schwimmbäder, Messen beispielsweise lassen sich damit durchaus gediegen begrünens In privaten Wohnungen, deren Bewohner Mut zum gestaltten und Spaß daran haben, sehe ich hin und wieder besagte Tulpen, rankt gelegentlich Immergrünes aus Toilettenwasserkästen, stemmt sich die Plastik-Palme erfolgreich gegen rauhe Hamburg ger Winde. Da paßt es dann auch und schmückt ungemein.