Von Klaus Mehnert

In dem Theater, das in deutscher Übersetzung "Der Zeitgenosse" heißt und gegenwärtig als eines der besten in Moskau gilt, sah ich vor einigen Tagen die Uraufführung eines ausschließlich auf dem Boden der Bundesrepublik spielenden Stückes. Sein Verfasser, Julian Semjonow, gehört zu den meistgelesenen seines Landes. Während der mehr als zwei Jahre, die er als Korrespondent der Moskauer Literaturnaja Gaseta in der Bundesrepublik lebte, habe ich ihn als einen originellen Kopf voll Unternehmungsdrang kennengelernt. Seine Aufsätze – etwa über unsere Wahlen – waren kritisch, aber nicht bösartig. Auf Grund der Selbstsicherheit und Unabhängigkeit, die ihm seine literarischen Lorbeeren eingebracht haben, ist das Gespräch mit ihm lohnender als mit manchem seiner Landsleute, die sich nur zögernd vom Leitartikel der jüngsten Prawda entfernen. Sympathisch berührt mich auch, daß Semjonow "die Deutschen" mag, also nicht nur die in der DDR. Er ist, scheint mir, gern bei uns gewesen. Jetzt lebt er wieder in Moskau.

Semjonows Popularität in der Sowjetunion beruht nicht zuletzt auf einer Besonderheit seines literarischen Stils: Er versteht es, zeitgeschichtliche Stoffe so spannend zu behandeln, daß man sie wie Abenteuerromane oder Krimis liest und trotzdem das Gefühl hat, ein Stück Geschichte mitzuerleben. Besonders gelang ihm dies mit seinem Roman "17 Augenblicke eines Frühlings", der in einer später über zwölf Abende laufenden Fernsehserie Dutzende von Millionen Zuschauern in der Sowjetunion begeisterte; dort schilderte er das Ende des Dritten Reiches durch das Schicksal eines – erfundenen – Sowjetspions, der als SS-Offizier getarnt, bis in die Spitze der NS-Führung eindringt. Sein Tarnname "von Stirlitz" ist in der Sowjetunion zu einem festen Begriff geworden. Die Nazigrößen, unter ihnen auch Leute wie Kaltenbrunner und "Gestapo-Müller", werden als Menschen gezeigt, nicht als Karikaturen.

Semjonows jüngstes Bühnenwerk, das er zutreffend als "Versuch eines journalistischen Theaterstücks" bezeichnet, heißt "Poisk 891" (etwa: Nachforschung 891); es spielt ebenfalls auf deutschem Boden, in der Bundesrepublik von heute. Mit Ausnahme eines Sowjetjournalisten namens Stepanow sind alle handelnden Personen Deutsche. Das Stück, entstand aus Semjonows Suche nach dem spurlos verschwundenen Bernsteinzimmer. Einst war dieses von einem preußischen König dem russischen Zarenhaus geschenkt und in einem der Schlösser unweit Petersburgs aufgestellt worden. Gegen Kriegsende wurde es mit zahlreichen anderen Kunstschätzen in Kisten verpackt und nach Deutschland verfrachtet. Dort verlor sich seine Spur. Die – vergeblichen – Nachforschungen nach dem Bernsteinzimmer führten Semjonow auf die Suche nach anderen Kunstschätzen, die ein Sonderstab Alfred Rosenbergs auf Geheiß Hitlers aus Rußland abtransportiert hatte.

Im Mittelpunkt des Stückes steht ein Mann namens Forst, der als Georg Stein wirklich existiert. Wohl zum erstenmal in der Geschichte des Sowjettheaters nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein nichtkommunistischer Deutscher aus der Bundesrepublik der positive Held eines sowjetischen Stücks. Semjonow hat ihn absichtlich Fritz genannt, um, wie er mir erklärte, diesem Vornamen den aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren stammenden schlechten Klang zu nehmen. (Damals sprachen die Russen vom deutschen Soldaten als "Fritz" wie umgekehrt die Deutschen von den Russen als "Iwan".)

Fritz Forst – der wirkliche wie auch der des Stücks – will als Verehrer der russischen Kunst das seine dazu beitragen, daß die von uns im Kriege aus russischen Museen, Kirchen und Schlössern entführten Kunstschätze wieder an diese zurückgegeben werden. Sein Leben – und sein Vermögen – hat er diesen Nachforschungen geopfert. Tatkräftig unterstützt von seiner Frau, hat er Zeugen befragt, Archive durchstöbert, Photokopien von Dokumenten angefertigt. Zu seinen deutschen Helfern gehört eine Journalistin (für die Marion Gräfin Dönhoff Modell gestanden hat; im Stück heißt sie Gräfin Dedhof); ein Geschichtsprofessor; ein Bundestagsabgeordneter Regger, der den Bemühungen Forsts durch eine Anfrage im Bundestag eine weitere Wirkung verschafft; ein Staatsanwalt, der sich für Forst verwendet; ein Pfarrer, der auf eigene Verantwortung und ohne zeitraubende Rückversicherung bei seiner vorgesetzten Behörde einige in den Gewölben seiner Kirche versteckte Kisten öffnen läßt, in denen – was er nicht wissen konnte – geraubte Ikonen versteckt sind, und der Baron Falz-Fein, der unter diesem, seinem währen Namen in einer kurzen Bandaufnahme mit eigener Stimme auf russisch zu Worte kommt. (Er stammt aus einer deutsch-russischen Familie, die einst mustergültig verwaltete Ländereien in Südrußland besaß.) Keiner von ihnen ist Kommunist oder kommunistischer Sympathisant; Forst selbst könnte seiner ganzen Art nach bei Wahlen vielleicht der CDU seine Stimme geben.

Aber Forst hat auch Gegner, die nicht nur sein Verhalten als unpatriotisch verurteilen, sondern auch die verborgenen Schätze eines Tages für die Finanzierung neonazistischer Projekte verwenden wollen und mit Hilfe der italienischen Mafia, mit der sie geheime Verbindungen unterhalten, Forst in der letzten Szene ermorden lassen.