Von Ernst Hess

Es war spät am Nachmittag, als wir das Grab des Generalissimus erreichten. Die untergehende Sonne tauchte das mächtige Waldstein-Schloß in fahles Winterlicht, streifte wohl auch noch mit den letzten Strahlen die Kapelle am Rande des Parks. „Ja, hier liegt der Wallenstein begraben bot sich ein älterer Herr ungefragt und in tadellosem Deutsch als Führer an. „Seine Nachkommen haben das Schloß erst 1945 verlassen, als die Russen kamen. Jetzt gehört es der Republik.“

So ganz richtig war die Auskunft nicht. Wallensteins einzige Tochter Maria Elisabeth heiratete im Jahre 1647 einen Grafen Kaunitz. Der letzte Nachkomme aus dieser Verbindung starb zu Beginn unseres Jahrhunderts. Münchengrätz dagegen hatte schon immer einer Nebenlinie der Waldsteins gehört, auch zu des Feldherrn Zeiten. Damals war Vetter Max Schloßherr gewesen, ein Opportunist, der das Strafgericht des Kaisers nach der angeblichen Verschwörung unbeschadet und noch reicher überstand. Wie überhaupt in Böhmen auf Schritt und Tritt die alte Spruchweisheit in Frage gestellt wird, daß unrecht Gut angeblich nicht gedeiht. Die Gallas, Piccolomini, Butler, Deveroux, Aldringen, Gordon oder Colloredo, sie alle sind durch den Mord von Eger reich und mächtig geworden.

Zurück zur St. Anna-Kapelle im Schloßpark von Münchengrätz – heute Mnichovo Hradiště-, wo Albrecht Eusebius Waldstein, Herzog von Friedland etc., endlich seine letzte Ruhe gefunden hat. Auf der prunkvollen Gruftplatte aus schwarzem Marmor findet sich unter anderem ein lateinischer Vers, der Böhmens Schicksal besser charakterisiert, als manche wissenschaftliche Abhandlung: „Quid lucidius sole? Et hic deficiet.“ Was leuchtet heller als die Sonne? Und auch sie weicht der Finsternis.

Glanzvoll war die Vergangenheit zweifellos, ob in Prag, Münchengrätz oder Marienbad, wo Belle Epoque zwischen Stuck und Skandalen ihrem Untergang entgenfeierte. Nicht umsonst galt der „Bohemien“ selbst im frivolen Paris als vergnügungs- und verschwendungssüchtig; liederlich zumindest schien dem deutschen Nachbarn der Lebensstil der besaßen Clam-Gallas oder Klebelsberg. Letztere besaßen in Marienbad das Hotel „Zur Stadt Weimar“, woran die einzige Tafel in deutscher Sprache noch heute erinnert. Jetzt heißt der Nostalgie-Palast „Kaukasus“, daneben steht das „Sebastopol“ für Kurgäste aus den Bruderstaaten. Muffige LVA-Atmosphäre zwischen Kristallüstern und abgewetztem Plüsch – die Habsburger Sonne wich wahrhaftig der klassenlosen Finsternis.

Im benachbarten Karlsbad hat sich der gichtkranke Wallenstein oft an den Heilquellen gelabt. Mit allergrößtem Pomp, versteht sich. Die halbe Stadt ließ der Hofquartiermeister reservieren, Misthaufen wurden entfernt und Hunde eingesperrt, damit es dem herzoglichen Gast so. angenehm wie möglich erging. Heute gefällt sich das einstige Weltbad als „westlichste“ Stadt der ČSSR. Vor dem Grandhotel „Moskwa“ parken die Limousinen aus Untertürkheim in Viererreihen, im Kaffeehaus „Elefant“ dominiert unverfälschtes Kölsch neben Sächsisch und Tschechisch.

Daneben ist Münchengrätz eine böhmische Kleinstadt wie andere auch, nicht eben einladend, aber doch mit einem gewissen altmodischen Charme. Unser Begleiter vom Parkplatz neben dem Schloß freute sich sichtlich, mit Ausländern ins Gespräch zu kommen. Ob er einer der wenigen. Sudetendeutschen ist, die in der ČSSR blieben – oder bleiben mußten–, wurde nicht ganz klar. Auf die direkte Frage schüttelte er langsam den Kopf und lenkte unvermittelt auf Casanova über, der die Schloßbibliothek geordnet und verwaltethabe.