Von Dieter E. Zimmer

Der Verleger Jaime Salinas ist der Sohn des Dichters Pedro Salinas. Als Kind, gleich zu Beginn des spanischen Bürgerkriegs, ging er mit seinem Vater ins Exil. Zwanzig Jahre läng lebte, studierte, arbeitete er in den Vereinigten Staaten, ehe er 1956 in Erancos langsam, senil werdende Diktatur zurückkehrte und sich mit ihr werden Diktatur zurückkehrte und sich mit nur anlegte: indem er Bücher zu machen versuchte, als sei Spanien ein zivilisiertes westliches Land wie jedes andere, in dem die Gedanken nicht nur heimlich frei sind, sondern auch frei kommen und gehen können.

Am 23. Februar abends saß Salinas an seinem Schreibtisch im Verlagsbüro, als das Radio die Nachricht von der Besetzung des Kongresses durch Tejeros Zivilgardisten brachte. (Daß das Radio einen versuchten Staatsstreich live überträgt, war etwas durchaus Neues.) Da Salinas in einer Verlagsgruppe arbeitet, zu der auch die angesehenste liberale Zeitung Spaniens El País gehört, beschloß man nach aufgeregten Diskussionen, alle Mitarbeiter nach Hause zu schicken: Jeden Augenblick, dachte man, könne die Polizei erscheinen und alle festsetzen; wären alle zu Hause, hätte sie es schwerer.

Was dachte Salinas auf dem Nachhauseweg? "Ich will hier heraus. Ich will nicht noch einmal von vorn beginnen müssen."

Nicht noch einmal: In der Nacht vom 23. Februar haben viele spanische Intellektuelle daran gedacht, die Koffer zu packen. "Zu gut wissen wir", heißt es in einem Aufruf, den eine Reihe von Professoren, Schriftstellern, Filmleuten, Künstlern ein paar Tage später veröffentlichte, obwohl Intellektuellen-Resolutionen in Spanien nicht üblich sind, "was es heißen würde, in die Katakomben der Zensur und zu den uniformen ‚Wahrheiten‘ zurückzukehren, aufs neue vor Ungerechtigkeit und Korruption zu schweigen ... Den abgeschmackten: und sterilisierenden Ruf Nieder mit der Intelligenz‘ werden. wir nicht noch einmal dulden." Den katalanischen Liedermacher Raimon überraschte die Nachricht im Aufnahmestudio. 1963 auf hatte er dem Franco Regime auf katalanisch sein "Diguem No" entgegengesetzt, "Sagen wir nein" ("Wir haben gesehen, wie man viele zum Schweigen brachte, die die Wahrheit sagten. Nein, ich sage nein, sagen wir nein") und sich in der Folge endlose Schwierigkeiten mit der Zensur eingehandelt. Am Abend des Putschversuchs befand sich dieser politischste Liedermacher Spaniens tief im 16. Jahrhundert: bei dem valenzianischen Poeten Ausias March, von dem er einige Gedichte vertont hat, die er für eine Gesamtausgabe seiner Lieder aufnahm. Er brachte die Aufnahme zu Ende und ging nach Hause:

"Als ich auf die Straße kam, herrschte völlige Ruhe. Das heißt ja wohl: Man kann uns hier eine Diktatur verpassen, ohne daß die Bevölkerung irgendwie reagiert, und das ist das Allerübelste. In der Bevölkerung, besonders bei den Linken, hat seit 1977 eine Art ideologischer Entwaffnung stattgefunden: das Gefühl, alles sei erreicht, man brauche sich um nichts mehr zu kümmern. Jetzt komme es darauf an, sich ein möglichst angenehmes Leben zu machen. Die Leute waren ja ganz zufrieden: Sie durften katalanisch schreiben, sie durften Pornofilme sehen. Wer sich politisch betätigen wollte, mußte entweder Abgeordneter oder Journalist sein. Alle sprechen von desencanto, Ernüchterung. Es ist nicht ganz das richtige Wort. Es handelt sich um eine offenkundige Passivität, eine verständliche Entpolitisierung. Keine Partei oder Organisation hat bisher damit begonnen, die Leute zu Staatsbürgern zu machen."

In den späten Jahren der Franco-Herrschaft hatte eine fundamentale Einigkeit unter der großen Mehrheit der spanischen Intellektuellen geherrscht. Was sie einte, war der gemeinsame Feind. Sie wußten, sie zogen am gleichen Strang, und spielten einander in die Hände, so wie der Filmproduzent Querejeta seinem Regisseur Carlos Saura die Gänge zum Informationsministerium abnahm, um die Zensoren von der Harmlosigkeit der subversiven Filme zu überzeugen.