Von Theo Sommer

Die Nato-Verbündeten gehen schonend und rücksichtsvoll miteinander um wie schon lange nicht mehr, zollen sich gegenseitig Lob und verpacken, wo sie schon einmal Besorgnis anklingen lassen, ihre kummervollen Ahnungen dick in diplomatische Watte. Die Europäer wollen sich nach den vier. Carter-Jahren, in denen gerunzelte Stirnen, geschwollene Hälse und hämische Sticheleien an der Tagesordnung waren, nicht den Anfang mit der Reagan-Administration verderben. Der neue Präsident jedoch ist noch nicht so weit, daß er sich den Alliierten schon voll zuwenden könnte.

Zunächst einmal hat sich Ronald Reagan den drängenden Problemen der amerikanischen Wirtschaft widmen müssen. Dann ist seine außenpolitische Mannschaft noch immer unvollständig. Viele große Botschaften sind verwaist, darunter Moskau, Bonn, Rom; die frisch eingesetzten Leute im zweiten Glied des State Department amtieren vorläufig ohne Bestätigung durch den Senat. Eine neue Stimmung ist unverkennbar am Potomac, und ihr Herold Alexander Haig stößt auch kräftig ins Horn, aber zu einer deutlich konturierten neuen Politik hat sie sich noch nicht verdichtet.

Die europäischen Alliierten – vorige Woche Frankreichs Außenminister François Poncet und Englands Premier Thatcher mit Lord Carrington, nächste Woche Bundesaußenminister Genscher – bemühen sich um Aufklärung. Viel klüger sind sie bisher nicht geworden, und wo, da haben ihre Erkenntnisse sie nicht unbedingt glücklicher gemacht; nicht einmal Margaret Thatcher. Das atlantische Hoch könnte sich als Zwischenhoch entpuppen; jedenfalls ziehen allerhand Wolken über den Horizont herauf.

Inzwischen ist es schon beinahe zum Gemeinplatz geworden: Ein Gutteil der Bitterkeit, die während der Carter-Jahre das europäischamerikanische Verhältnis belastete, entsprang ja nicht bloß der Unverträglichkeit der Hauptakteure, sondern einer wachsenden Divergenz der Interessen und der Einstellungen. Auf drei Feldern klaffen die politischen Ansichten und Urteile auch heute auseinander.

1. Ost–West. Die Amerikaner sehen in der Sowjetunion eine Weltmacht von unersättlichem expansionistischem Ehrgeiz und neigen dazu, die Kremlführer erst einmal Mores zu lehren, ehe sie sich mit ihnen an einen Tisch setzen. Die Europäer erkennen viel schärfer die Schwächen des sowjetischen Systems und drängen darauf, daß Washington und Moskau gerade in schwieriger Zeit den Dialog aufrechterhalten. Entspannung ist in den Vereinigten Staaten zum Schimpfwort geworden; in Europa – zumal in der Bundesrepublik – gilt sie immer noch als eine politische Möglichkeit, die gewiß ihre Schwierigkeiten hat, deswegen jedoch nicht einfach in den Wind geschrieben werden darf.

2. Rüstungskontrolle. Amerikaner und Europäer stimmen zwar darin überein, daß das bedrohte militärische Gleichgewicht zwischen Nato und Warschauer Pakt aufs neue befestigt werden muß, aber sie setzen dabei ganz verschiedene Schwerpunkte. Die Europäer drängen auf die Fortsetzung des Salt-Prozesses und die beschleunigte Einleitung von Ost-West-Gesprächen über das eurostrategische Kräfteverhältnis; die Amerikaner wollen vor weiteren Verhandlungen ihre Rüstung massiv ausbauen. Am Doppelbeschluß der Nato über die Nachrüstung im Bereich der Mittelstreckenraketen interessiert die Reagan-Mannschaft in erster Linie die erste Hälfte: Stationierung neuer Waffen in Westeuropa. Manche US-Fachleute geben offen der Hoffnung Ausdruck, daß es zu Verhandlungen gar nicht erst kommt oder aber, wenn doch, daß sie fehlschlagen. Die Europäer nehmen die zweite Hälfte des Beschlusses – das Verhandlungsangebot an die Russen – ungleich ernster. Sie glauben oder hoffen wenigstens, daß sich das Gleichgewicht auch durch Herabrüstung, nicht allein durch Heraufrüstung, stabilisieren lasse. Sie verweigern sich nicht der Einsicht, daß der Westen seine Verteidigung in Ordnung halten muß, aber sie wollen sich nicht blindlings in ein Wettrüsten beispielloser Dimension hineinjagen lassen.