Aus dem großen Vogelhaus des Zoologischen Gartens in Nürnberg ist das Ei eines Gänsegeiers gestohlen worden. Die Polizei vermutet in dem Dieb einen enthusiastischen Vogelliebhaber. Den Wert des gestohlenen Eies, so las ich, habe die Polizei mit 3000 Mark angegeben.

So ermutigend es ist, daß die Polizei schlechthin allen Situationen gerecht wird, die mit Verbrechen zusammenhängen, so interessant ist die Frage, auf welche Weise der Wert eines solchen Eies zu errechnen sei. Lang ist es her, daß der Direktor des Berliner Zoos, der Geheimrat a. D. Professor Heck, der bei allen Zeitungsleuten sehr beliebt war und dies zu schätzen wußte, es sich zur Sitte gemacht hatte, Journalisten für den ersten Osterfeiertag zu einem "kleinen Frühstück" einzuladen, bei dem es nichts weiter gab als ein einziges Ei, allerdings ein Straußenei. Dieses Ei, ein riesiges Exemplar, war in die Pfanne gehauen worden, in eine riesige Pfanne, eigens zu diesem Zwecke gebaut. Jetzt glitzerte ein schöner, großer, ja geradezu majestätischer Dotter inmitten eines großen Tisches, um den fröhliche Gäste saßen.

War es Mangel an ökonomischem Nutzdenken oder an Sensationsgier: Niemand hat gefragt, wie hoch der materielle Wert des riesigen Ostereies anzusetzen war, das die Gäste des Geheimrates verzehrten. Es war die Zeit, wo ein Spiegelei neben einem gratis gelieferten Brötchen bei Aschinger vierzig Pfennig kostete. Das heißt also: Hätte ich elf Kollegen zum Spiegelei eingeladen, so hätte man mir eine Rechnung von zwölf mal 0,40 Mark aufgemacht, 4,80 Mark also. Sie wären für diesen Preis genauso satt geworden wie Hecks Ostergäste von einem einzigen Osterei, dessen Wert wir nach dieser Rechnung mit 4,80 Mark ansetzen können.

Allerdings kann man auch hier wieder einmal sehen, wie leicht Vergleiche hinken. Es ist ja nicht anzunehmen, daß der Nürnberger Dieb seine Freunde zu einer festlichen Geiereier-Tafel einlädt, was er tun müßte, wenn wir vom Mehrwert eines Geiereies auf seinen realen Wert schließen sollten. Schon das Berliner Straußenei hatte für die österlichen Gäste des Zoodirektors einen ideellen, ja vor allem einen ideellen, nämlich einen Seltenheitswert. Straußeneier liegen ja ebensowenig wie Geiereier in den Tante-Emma-Läden herum. Und leichthin ausgesprochene Sätze wie "Ich habe heute früh ein Geierei gegessen, und Du?" haben ihren eigenen Wert. Wer weder ein Straußen- noch ein Geierei gegessen hat, kann nicht mitreden.

Dieses köstliche Überlegenheitsgefühl des Kenners ist vermutlich vergleichbar mit dem klassischen Machtgefühl, das den Mächtigen von morgens bis abends bei Laune hält. Vielleicht ist hier der Einstieg zu den tiefen und geheimen Untergründen zu finden, die den diensttuenden Polizeioffizier in Nürnberg in die Lage brachten, sofort die richtige Antwort zu finden. "Auf welchen Wert beziffern Sie, Herr Polizeirat, den Wert eines gestohlenen Geiereies?" – "3000 Mark" – "Vielen Dank, Herr Oberpolizeirat!"

Und den staunenden Mitbürgern und Vogelfreunden steht es jetzt frei, vom Wert des Eies auf den Wert des Vogels zu schließen, der es gelegt hat. Gänsegeier, so las ich, produzieren sich noch am ehesten in den Zoologischen Gärten. Sonst seien sie, und auch dies sehr selten, in den Salzburger Alpen zu finden. Schon ist man versucht zu fragen, wie hoch mag erst der Wert sein, wenn es den Gänsegeier nicht nur sehr selten, sondern überhaupt nicht mehr gibt. Aber hier ist man leicht überfragt, selbst die Polizei.