Der Gabel läßt keinen Porzellanladen aus. Wer ihn kennt, weiß das. Auch hier hat er wieder satt hingelangt. Auf Seite 131 äußert er lustvoll, was er von einem dicken Buch hält, das ein ehemaliger Verleger vor Jahren herausgegeben hat, und handelte sich damit einigen Ärger ein. Da heißen auch ein paar Leute wie ein paar Leute, die man kennt, und die kommen gar nicht so gut weg. Wenn ein Schuldirektor ausgerechnet den Namen Stoiber trägt, weiß man schon im voraus, daß das kein sympathischer Zeitgenosse sein kann. Für die, die so etwas mit der nötigen Verbissenheit lesen, schon ziemlich starker Tobak.

Nun sollte ich endlich sagen, daß ich dies für ein einfühlsames und im Grunde auch hoffnungsvolles Buch über das scheinbar auf ewig festgeschriebene Rollenverhalten im Schulalltag halte –

Wolfgang Gabel: "Fürs Leben lernen"; Benziger Verlag, Zürich; 160 S., 17,80 DM.

Ohne Zweifel hat Wolfgang Gabel zu seiner alten Form zurückgefunden. Da sind wieder jene Bilder von inneren und äußeren Zuständen, für die er die unverwechselbaren Wörter zur Verfügung hat: das berührt, das macht betroffen, das ruft Mitleid hervor. Ja, Mitleid scheint mir das Schlüsselwort für diesen Roman zu sein. Gegen manches zynisch geschnulzte "Problembuch" zum gleichen Thema setzt Gabel zornig sein Mitleid mit denen, die von der Angst vor einem inhumanen Schulbetrieb verkrümmt wurden zu angepaßten Jasagern, zu aggressiven Verweigerern, zu tragikomischen Strebern, zu verletzbaren Versagern. Damit sind Schüler und Lehrer gleichermaßen gemeint. Und auch die Eltern. Denn dieses Buch stellt klar, daß Schule nicht nur Sache der Schule ist.

Im ersten Teil der Geschichte läßt der Autor den jungen Realschullehrer Eddi Brand erzählen, der von Aushilfsstelle zu Aushilfsstelle versetzt wird und in eine schlimme Krise gerät, weil er einerseits "noch nicht müde" ist und seine Idee von der partnerschaftlichen Verständigung zwischen Lehrern und Schülern verwirklichen will, andererseits aber in der Versuchung ist, wie die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen und den Vorstellungen des Direktors entsprechend die Schüler "in den Griff zu nehmen, weil er doch endlich eine Planstelle braucht, um mit seiner Frau und seinem Kind zur Ruhe zu kommen. Im zweiten Teil spricht Klaus Bär aus der neunten Klasse, Schüler von Eddi Brand, verletzlich und verletzend, eifersüchtig und einsam, verliebt und verbohrt. Wolfgang Gabel ist mit gleicher Intensität in beiden Figuren.

Wie sich diese beiden Antipoden in einer Atmosphäre der Intoleranz und Hartherzigkeit aufeinander zu bewegen, ist in überzeugenden Grautönen geschildert. (Leider steht inflationär oft das Wörtchen "und" am Satzbeginn.) Oberzeugend ist auch jener Kompromiß, mit dem man leben kann und der möglich wird, als trotz aller Mißverständnisse die ~~~~ ihre Masken abnehmen und etwas von ihren Gesichtern zeigen. Das hat mit Denken, zu tun, mit Einsicht, mit dem Wunsch nach dem freien Durchatmen. Wolf gang Gabel redet ganz und gar nicht der Illusion das Wort, wohl aber der Hoffnung, daß an diesem Ort, wo gelernt und gelehrt wird für das Leben, gegenseitige Zuwendung und sachlicher Disput möglich seien. Viele Leser wünsche ich diesem Buch: Schüler, Lehrer – und Eltern. Jo Pestum