Von Ernst Busche

Als zu Anfang der siebziger Jahre eine europäische Ausstellungstournee archäologische Funde aus China vorstellte, blieb Deutschland ausgespart; die zweite, jetzige, macht hier gleich dreimal Station, in Berlin, Hildesheim und Köln. Gezeigt werden neuere Grabungsergebnisse aus den Provinzen Shaanxi und Henan, dem Kernland Altchinas in der nordchinesischen Tiefebene, alle aus den Jahren nach 1949, dem Jahr der Gründung der Volksrepublik China.

Die Objekte entstammen dem Zeitraum vom Neolithikum bis zur Tang-Zeit (618–906), decken also einen Bereich von 6000 Jahren ab. Zu den frühesten Objekten gehören bronzene Opfergefäße aus dem zweiten und ersten vorchristlichen Jahrtausend, darunter Ritualgefäße in Gestalt eines Elefanten oder Büffels – mit Tiger als Deckelgriff – oder ein prachtvoller Hu gut, ein Speiseopfergefäß vom Typ gut, mit knapp 60 cm Höhe das größte bisher in China gefundene seiner Art. Die eigentliche Schale ruht auf einem quadratischen Sockel, dessen kraftvolle Schlichtheit durch die strenge Reihung von Vertikalrippen betont wird; die hohen, lebhaft als stilisierte Fabelwesen gebildeten Seitenhenkel kontrastieren effektvoll mit den einfachen, das Sockelmotiv wiederholenden Vertikalrippen am Gefäßkörper.

Eine kleine Sensation war 1957 der Fund mehrerer Musikinstrumente, darunter eines Glockenspiels, das restauriert und mit auf die Reise geschickt wurde. Die in der Größe kontinuierlich abnehmenden 13 Glocken hängen nebeneinander aufgereiht an einem Holzgerüst; sie besitzen keine Klöppel, sondern werden von außen mit einem Holzhämmerchen angeschlagen. Zwanzig Jahre später wurde dieser Fund durch einen weitaus bedeutenderen übertroffen: in dem Grab eines Markgrafen fand man ein Glockenspiel mit nicht weniger als 65 Bronzeglocken und einer völlig intakten hölzernen Gestellanlage. Neben den rund 7000 anderen Beigaben in diesem Grab stieß man auch auf die Skelette von 21 jungen Frauen, die den Toten im Jenseits unterhalten sollten.

Das ist die andere, grausame Seite dieser frühen; in Deutschland immer noch weitgehend mißachteten Hochkultur: die rituellen Menschenopfer, die Unternehmungen von ungeheurem Aufwand und brutaler Grausamkeit gewesen sein müssen. Auch im Tod wollte der Herrscher von den Insignien seiner Macht umgeben sein, und dazu gehörten auch die Angehörigen seines Hofstaates. Bereits Konfuzius hatte ein Ende der Menschenopfer gefordert, aber erst 200 Jahre später, um 200 vor Christus, wurden sie endgültig eingestellt. Damals ersetzte man die Menschen durch Nachbildungen, oft in Form von bemalten Tonfiguren. Vierundzwanzig solcher Beispiele sind in Berlin zu selten: eine kleine Armee aus gepanzerten Soldaten, Reitern, Musikern und einem Kommandeur. Ein Grabfund mit über 2000 Figuren gab wichtige Aufahlüsse über die Kriegstechnik dieser frühen Han-Zeit.

Einen friedlicheren Eindruck der Han-Dynastie (206 vor bis 220 nach Christus), jener Periode, in der die bis ins 20. Jahrhundert gültigen Grundzüge der chinesischen Zivilisation sich herausbildeten, vermitteln kleine Tierfiguren aus Jade, einem der damals beliebtesten und kostbarsten Edelsteine, kleine Adler, Bären oder Fabelwesen. Architektur aus dieser Zeit ist kaum erhalten, da fast alles aus Holz gebaut wurde; um so wichtiger ist das Modell eines Turmbaus, der in allen Details die Beschaffenheit eines Gebäudes vermittelt.

Zu größter Prachtentfaltung und höchster Verfeinerung gelangt die chinesische Kultur während der Tang-Dynastie (618–906 nach Christus). Grabbeigaben und Wandmalereien im Grab des Kronprinzen Zhanguai schildern das vergnügliche Leben der herrschenden Familien, die sich bei der Jagd und beim Polospiel oder im Palastgarten mit Vogelbeobachtung und Zikadenfang die Zeit vertreiben. Die Palastbevölkerung wird mit Hof- und Haremsdamen, mit Türhütern, Offizieren und Soldaten, mit Beamten, Dienern und Liliputanern exakt wiederholt, um dem Toten das Jenseits heimisch zu machen. Figuren aus Marmor und glasiertem Ton geben in ihrem Realismus erstaunlichste Beispiele damaliger Gestaltungskunst: ein Bogenschütze zu Pferde, der sein Ziel anvisiert, in der nächsten Sekunde den Pfeil wegschnellen läßt; ein Schimmel, prächtig ausgestattet mit zottiger Satteldecke und modischem "Drei-Blumen"-Schnitt der Mähne; eine Musikantengruppe auf einem Kamel; eine sitzende, sich schminkende Dame, nach dem neuesten, aus dem westlichen Zentralasien kommenden Modediktat gekleidet; ganze Miniaturlandschaften mit Teich und Gartenfels und Pavillons.