Hamburg: "Josef Mikl – Farbe und Figur"

Das sieht einer verschmitzt-hinterlistigen Irreführung zum Verwechseln ähnlich: Da wird, um nur ein Beispiel zu nennen, ein Bild "Tulpe mit Pampelmusen" (1975) genannt. Aber niemand dürfte doch behaupten, er hätte die Identifizierung mit Blume und Früchten ohne den Titel des Bildes geschafft. Was leistet sich da der 1929 in Wien geborene und an der "Meisterschule für Abendakt und Natur-Studien" tätige Josef Mikl eigentlich? Er malt, Öl auf Karton, ein Bild, das man, wenigstens auf den Blick, abstrakt nennen möchte. In Wirklichkeit sind seine Arbeiten nie als? abstrakt (absolut) einzustufen. Die Arbeiten sind immer gegenständlich, auch wenn sie mit normiertem Realismus nichts zu tun haben, geschweige denn mit "sozialistischem Realismus". Es ist eher ein asoziabler Stil. Er hat so gut wie nichts mit Naturalismus zu tun, nichts mit Stilen, die dem Betrachter mit irgendwelchen anbiederlichen Gefälligkeiten entgegenkommen. Mikl lehrt doch im Fach "Naturstudien"? Ist sein Verfahren also zweigleisig oder gar schizophren? Die Ausstellung legt eher die Vermutung nahe, daß er in den "Naturstudien" vielleicht lehrt, wo man an der Natur "weiche Stellen" entdeckt, um sich ihrem präzeptoralen Anspruch zu entziehen und gegen ihren Modellcharakter zu revoltieren. Jedes Bild von Mikl ist das Ergebnis heftigen Ringen? mit mehreren Mächten. Er kämpft mit der Gegenständlichkeit und geht immer als Sieger hervor. Die Naturformen werden deformiert, verwandelt, in einen neuen Zusammenhang integriert und damit in einer neuen Welt, der künstlerischen, wieder "funktionsfähig". Ganz anders verläuft Mikls Kampf mit dem Rhythmus, der nie unterliegt. Der Rhythmus bekommt im Zusammenprall mit Mikl einen energischen, federnden, schnell vorspreschenden Charakter, wobei er sich fast geometrischer Formen, ovaler und rhomboider Gebildebedient oder jedweder anderer Zeichen. Das mutet wie ein urtümlicher Prozeß an. Es ist ein vornehmlich nichts ausdrückender, nur sich selbst manifestierender und zugleich keinen Widerspruch duldender Stil. Das ist Mikls spezifische "abstrakte Kunst". Die Bilder sind, wie Werner Hofmann in einem Katalogwort sagt, keine "Weltanschauungsbotschaften oder Steckbriefe des Innenlebens", keine Symbole oder gar Embleme, sie verrichten keine Botendienste, sind keine Emissäre. Es fehlt jede schnörkelhafte Ausschmückung, da ist alles auf eine formelle Knappheit gebracht. Die Ausstellung heißt "Farbe und Figur". Das Element Farbe hat eine die Form protegierende Funktion wie zum Beispiel bei dem Akt von 1971 (scharfe Schraffuren mit Buntstiften) oder eine ergänzende, mit den Formen "Dialoge" bildende (Stilleben mit Holzscheit von 1976), Mir scheinen in Mikls Kunst zwei Momente überwältigend attraktiv zu sein: die rhythmische Potenz und, im ganzen genommen, seine Ehrlichkeit, seine trutzig asoziable Haltung in einer Welt, deren Kontaktierungsbeflissenheit zuweilen sentimental wird und an die Grenze der Unwahrhaftigkeit gerät Mikl ist kein "neuer Wilder", aber ein ganzer Kerl: von provozierender Selbständigkeit (Hamburger Kunsthalle bis 22. März, Katalog 15 Mark)

René Drommert

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: "Arnulf Rainer" Kunsthalle bis 26. April, Katalog 25 Mark)

Berlin (Ost): "Karl-Friedrich-Schinkel – 1781 bis 18"? (Altes Museum bis 19. März)

Bochum: "Bildnerei der Geisteskranken – Die Prinzhornsammlung" (Wasserburg Haus Kemnade bis 29. März, Katalog 30 Mark)