Von Wolfgang Boller

Innovation – so heißt das ja wohl heute", sagt der Kurdirektor. Er verwendet das Worthäufig. Ihm scheint’s, sicher zu Recht, Inbegriff des Hals für die Gebresten seines Heilbads. Innovation soll Bad Nenndorf von erstarrten Traditionen, Betulichkeit und Rückständigkeit befreien – ohne die Patina zu zerstören. Kurdirektor Meyer-Wolters: "Die Intimität des Staatsbads von gestern muß erhalten bleiben mit eine? supermodernen EDV im Hintergrund. Ich meine: Beschaulichkeit des Kurgebrauchs bei straffer Rationalisierung des Kurbetriebs."

Innovation ist in Bad Nenndorf eine Frage der wirtschaftlichen Existenz. Im schmucken Städtchen in der Grafschaft Schaumburg ist die Badekur bei Rheuma und Wirbelsäulenschäden (zum verschwindend geringen Teil auch Frauenleiden) der größte Wirtschaftsbetrieb. Bad Nenndorf lebt von der Kur. Es gibt eine Kurklinik und fünf Sanatorien, ein Thermalsole-Hallenbad, zwei große Badehäuser und ein Bewegungsbad. Von insgesamt 3000 Fremdenbetten stehen 700 in Kliniken. 1980 wurden 25 600 Patienten (in besonders erfolgreichen Jahren 28 000, im Rezessionsjahr 1977/78 rund 20 000) registriert. Bei 24 500 schließt die Kurverwaltung mit plus minus null ab.

Die Nenndorf er Rheumakur neigt zu stolzen Einnahmen und peinlichen Verlusten. Die wunderschön gelegene kleine Stadt am Nordhang der Deister-Höhen zieht aus dem Kurbetrieb Jahresumsätze zwischen 65 und 75 Millionen Mark. Die Kurverwaltung schreibt ihre Bilanzen seit fünf Jahren mit roten Zahlen (1980 geringfügiger Überschuß). Heinz Meyer-Wolters: "Ich betrachte den Kurbetrieb als Wirtschaftsunternehmen. Ich kann nicht unablässig in Hannover um Verlustausgleich bitten."

Das Staatsbad Nenndorf ist eine Zweigniederlassung der Niedersächsischen Bädergesellschaft. Zur GmbH gehören außerdem Bad Pyrmont sowie die Seebäder Norderney und Wangerooge. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats ist Staatssekretär im niedersächsischen Finanzministerium. Am Jahresetat von 47 Millionen (1980) ist Bad Nenndorf mit 15, Bad Pyrmont mit fast 20 Millionen beteiligt.

"Die Defizite der letzten Jahre waren beträchtlich", sagt der Kurdirektor und nennt auch gleich die Ursache: Mangel an Innovation. Das ist nun freilich auch keine Wundermedizin für krebsende Staatsbetriebe und läßt sich nicht auf alles und jedes anwenden. Der Kurpark beispielsweise wird unverändert aufwendig bleiben wie eine verführerische, unentbehrliche Geliebte – der Stolz des Kurorts. Der 35 Hektar große, in Wälder übergehende Park mit seinen leuchtenden Blütenmeeren rund ums klassizistische Schlößchen bringt nichts ein und kostet jährlich 1,6 Millionen Mark.

Die Kurverwaltung beschäftigt 280 Angestellte und Mitarbeiter, darunter zwanzig Gärtner und, immerhin, elf Musiker der Kurkapelle. "Der gesamte Kurtaxbereich", so Meyer-Wolters, "ist nicht deckungsfähig." Das waren bislang aber auch die Schlammbäder nicht.