Hildesheim

Hildesheimer Kulturgeschichte tauchte überraschend aus der letzten Silber-Auktion des Hauses Sotheby im vergangenen November auf: Das silberne Tafel-Service des ehemaligen Fürstbischofs von Hildesheim, Friedrich Wilhelm von Westphalen. Fast 600 Einzelteile umfaßte das 1763 in Augsburg hergestellte Service, als es am 12. November im Genfer "Hotel de Bergues" Interessenten und Bietern vorbestellt wurde. So vollständig ist kein zweites Service des Barock oder Rokoko erhalten.

Im Zentrum barocker Festtafeln standen Tafelzierden (Plat de manage) in Form luftiger Garten-Pavillons, bestückt mit Musikanten. Wenige Einzelstücke haben den Einschmelzungsprozeß überlebt, dem 99 Prozent des silbernen oder goldenen Tafelgeschirrs der Zeit unterworfen war. Die edlen Tafelgeräte waren für die Regenten nicht nur ein ästhetisches Vergnügen, das mit seinen allegorischen Figuren auch zu "tieferer Besinnung anregen sollte", sondern vor allem eine Kapitalanlage für schlechte Zeiten. Ohne Bedenken wurden sie zum Kriegführen eingeschmolzen.

Auf der Tafel des Hildesheimer Fürstbischofs standen drei solcher Zierstücke, um sie herum eine "Flotte" von Terrinen und ein "Wald" von Leuchtern. Anbietplatten in viereckiger, runder, dreieckiger und ovaler Form, Gewürz-"Schiffchen", Öl-, Essig- und Senf-Gefäße in Turmgestalt füllten die Flächen zwischen Weinbrunnen und Kühlkelchen.

Durch die Genfer Auktion ist dieses Service, das als Kunstwerk von nationaler Bedeutung eingestuft wird, auseinandergerissen worden. Zwei Kunsthändler haben die bedeutendsten Stücke: Der Münchner Experte Helmut Seling hat mit Hilfe ausländischer Händler den "Kern" des Service aufgekauft (130 Stücke, darunter die drei Tafelaufsätze), der Würzburger Albrecht Neuhaus übernahm die übrigen Teile. Bis zum 31. März stellt das Bayerische Nationalmuseum das von Seling zusammengestellte Konvolut aus, das Hildesheimer Roemer-Pelizaeus Museum die 120 Stücke von Neuhaus.

Die Museen in München und Stuttgart könnten, wenn auch unter großen Schwierigkeiten, den geforderten Betrag von 6,5 Millionen Mark, (für den sie interessierenden Teil in München) aus Landesmitteln aufbringen. Das Hildesheimer Museum ist dazu nicht in der Lage.

Seit einigen Wochen bemüht man sich deshalb um eine Unterstützung durch die niedersächsische Landesregierung – bislang erfolglos.