Seine Karriere war nicht ohne Brücke. Günter Diehl, der jetzt seinen sicherlich verdienten, aber nicht recht überzeugenden Beamtenruhestand beginnt, sammelte während des Krieges bei der Regierung Pétain in Vichy erste Auslandserfahrungen als junger Diplomat. Die Erinnerung daran blieb als Makel haften: Die Bonner Botschaft in Paris, die ihm viele seiner Freunde gewünscht hätten, verbot sich danach von selbst. Er wußte es.

Diehl war einer der ersten Sprecher des neu installierten Auswärtigen Amtes (1952 bis 1956) – ein Posten, der seinen Inhaber im Karrieremuster des Hauses in der Regel für Höheres prädestiniert. Er fungierte in jenen Jahren auch als außenpolitischer Redenschreiber für Konrad Adenauer. Mit dem für ihn typischen politischen Instinkt sagte er damals das Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft voraus und plädierte frühzeitig für den Eintritt der Bundesrepublik in die Nato, gegen die Meinung von Konrad Adenauer und Walter Hallstein. Der Prophet behielt recht, und ihm würde nicht gedankt: Diehl fand sich als zweiter Mann in Chile wieder. Doch niemand hörte ein Wort der Klage von ihm. Verlorengegangenen Dingen hat er nie lange nachgetrauert. Auch 1970 nicht. Er war Regierungssprecher der Großen Koalition gewesen – zusammen mit seinem Freunde Ahlers. Als die Sozial-Liberalen das Regiment übernahmen, schickten sie Diehl nach Indien – so weit wie möglich weg vom Schuß. Sie mißtrauten Diehl, weil er ein Mann der CDU war und der Vertraute Kurt Georg Kiesingers.

Aber Günter Diehl war nie ein simpler Parteigänger. Er war etwas viel Selteneres – ein vorbildlicher Beamter: nach draußen von grenzenloser Loyalität, nach drinnen von hellsichtiger Kritik, auch gegenüber Vorgesetzten. Dank seines Naturells hatten die Versuche, ihn politisch aufs Trockene zu setzen, nie lange Erfolg. Wo er war, war stets Politik im Spiel. Auch in Japan, seinem letzten Posten. Als er 1976 seine erste Besichtigungstour durch japanische Großunternehmen beendet hatte, seufzte er schon: "Armes Deutschland!" Zugleich warnte er nach Hause; "Wir können die Japaner nicht kritisieren, nur weil sie fleißig sind."

Wenn Günter Diehl einen Posten verließ, so war er politisch jedesmal so weit aufgewertet, wie ursprünglich das Auswärtige Amt dies eigentlich gar nicht beabsichtigt haben konnte. So war es in Neu-Delhi, so ist es jetzt in Tokio. Er war ein großer Botschafter. Von nun an wird er in Bonn sitzen. Sein politischer Instinkt, sein Witz und seine Erzählkunst können auch diese Hauptstadt nur aufwerten. N. G.