Augsburg

Es kann doch, so sollte man meinen, für einen tatendurstigen Politiker nichts Schlimmeres auf Erden geben, als schon in jungen Jahren nach einer Wahlschlappe vor den Trümmern der eigenen Karriere zu stehen. Man hat sogar ein wenig Mitleid mit dem Gestrauchelten. Doch das ist ganz unangebracht, wie uns das Beispiel aus bayerischen Landen zeigt. Es geht um einen städtischen Referenten aus dem schwäbischen Augsburg. Der Schmerz, noch nicht einmal 40jährig wieder aus dem politischen Geschäft entlassen zu werden, wurde ihm nämlich mit barer Münze betäubt: Knapp 3600 Mark Monatspension aus dem Stadtsäckel warten auf den politischen Frührentner. Bis er in das Alter kommt, wo andere endlich in Rente gehen, wird gut eine Million geflossen sein – das Gesetz über die kommunalen Wahlbeamten des Freistaates sieht dies vor.

Der Glückliche entschied sich 1972 für die große Stadtpolitik. Die FDP kürte ihn gar zum Oberbürgermeisterkandidaten – gewählt wurde er nicht. Dafür fiel im folgenden Verteilungskampf der Parteien für den promovierten Juristen und Stadtratsneuling immerhin noch der Posten des hauptamtlichen "Stiftungs-Referenten" ab. Fortan durfte er in der Alten Reichsstadt die zahlreichen Stiftungen verwalten – in der Hauptsache waren es Altersheime. Schon da, so könnte man spotten, habe er sein Herz für das Pensionistendasein entdeckt. Als 1978 wieder gewählt wurde, war für den Liberalen kein Platz mehr auf der Augsburger Referentenbank – ein Christsozialer sollte nach dem Willen von SPD und CSU auf seinen Sessel. Der Verschmähte ging aufs Altenteil – und verdient seither obendrein als Anwalt in München sein Geld,

Der tapfere Schwabe ist kein Einzelfall im Freistaat. Etwa zur gleichen Zeit schickten auch die frischgebackenen CSU-Herrscher im Münchener Rathaus den 42jährigen Stadtentwicklungsreferenten mit 6000 Mark Ruhestandsgeld in die Wüste – um ihn anschließend für ein dickes Jahresgehalt als Geschäftsführer die Internationale Gartenbauausstellung vorbereiten zu lassen. Ein 31jähriger Bürgermeister aus dem Schwäbischen setzte sich nach einer Amtszeit mit 1900 Mark Pension zur Ruhe. In Bayern zeigt man sich regelmäßig großzügig, wenn nur zwei Bedingungen des Gesetzgebers erfüllt sind: Die Gefeuerten müssen zehn Jahre öffentlichen Dienst nachweisen und dürfen nicht freiwillig das Handtuch werfen. Aber wer läßt sich für soviel Geld nicht gerne aus dem Amt jagen?

Beim Augsburger Stiftungsreferenten hätte schwäbische Sparsamkeit um ein Haar noch für ein weniger lukratives Ende der Angelegenheit gesorgt. Bevor die Stadt-Oberen den Referenten entließen, so weiß dieser zu berichten, hätten sie erst einmal seine Dienstzeit genau nachgezählt. Dabei glaubten sie entdeckt zu haben, daß dem städtischen Spitzenbeamten genau die 91 Tage zu den erforderlichen zehn Jahren fehlten, die er als Referendar auf Sonderurlaub bei einem Studienaufenthalt in England zugebracht hatte. Bayerns oberste Verwaltungsrichter mochten soviel Kleinmut allerdings nicht durchgehen lassen. Sie drehten den Geldhahn wieder auf.

Bernd Kühnl