ZDF, Montag, 9. März und Dienstag, 10. März, jeweils 21.20 Uhr: „Spiel um Zeit – Das Mädchenorchester in Auschwitz“, Arthur Miller (Drehbuch) und Daniel Mann (Regie)

Gestritten wurde über diesen Film schon, als er noch nicht einmal gedreht worden war. Die Ankündigung der Produzentin Linda Yellen, niemand anders als Vanessa Redgrave werde die Hauptrolle in dem Fernsehdrama nach Fania Fenelons Auschwitz-Erinnerungen „Sursis pour un orchestre“ spielen, löste bei jüdischen Organisationen in den USA Empörung und Proteste aus. Ausgerechnet Vanessa Redgrave, die trotzkistische Aktivistin, eine erklärte Anhängerin der PLO, die selbst an jenem Abend, als sie 1978 den Oscar für ihre Rolle in dem Film „Julia“ entgegennahm, wider den Zionismus wetterte, sollte das Martyrium einer jüdischen Sängerin im Vernichtungslager darstellen.

Bald war von Boykott die Rede, und die amerikanische Fernsehgesellschaft CBS, die den Film „Playing for Time“ am 30. September 1980 ausstrahlte, hatte ungewöhnliche Schwierigkeiten, die Industrie für Reklame-Einblendungen zu gewinnen. Denn auch von Auschwitz führt der Weg im kommerziellen Fernsehen mit makabrer Selbstverständlichkeit immer wieder zurück zur Werbung für Sonnenöl, Grillhähnchen und ähnliche Objekte des gewöhnlichen Konsums. Die Werbeagenturen rieten ihren Klienten diesmal ab: wegen der Redgrave-Affäre und weil die Story ohnehin ein „downer“ sei.

Ein „downer“ gewiß, längst nicht so skrupellos den Sehgewohnheiten des Massenpublikums angepaßt wie die „Holocaust“-Serie, deren keimfreie Sentimentalität mehr mit den „Waltons“ und anderen Fernseh-Familien zu tun hatte als mit dem historischen Horror von Verfolgung und Vernichtung. Für Fania Fenelons „Spiel um Zeit“ schrieb immerhin Arthur Miller das (gerade bei S. Fischer auf deutsch als Taschenbuch erschienene). Skript. Niemand konnte den Autor von „Tod eines Handlungsreisenden“ und „Blick von der Brücke“ mangelnden moralischen Ernstes verdächtigen. „Eine neue Stufe von Reife im amerikanischen Fernsehen“ sah die New York Times am Tag der Sendung von „Playing for Time“, einem Film, „der völlig kompromißlos ist in seinen Darstellungen von Hoffnung und Verzweiflung, Großherzigkeit und Gemeinheit, Tod und Überleben in der bizarren Alptraum-Welt eines Konzentrationslagers“. Und während das „Simon Wiesenthal Center for Holocaust Studies“ in Los Angeles die Amerikaner wegen der Mitwirkung von Vanessa Redgrave zum Boykott der Sendung aufforderte, pries Newsweek die Schauspielerin für „die vielleicht beste Leistung, die je auf einem Fernsehschirm zu sehen war“.

Die hitzige Kontroverse verstellt wohl ein wenig den Blick für die wirklichen Qualitäten und Schwächen von „Playing for Time“. Die wahre Geschichte der Pariser Sängerin und Halbjüdin Fania Fénelon, die nach Auschwitz deportiert wird und nur deshalb nicht in der Gaskammer endet, weil sie als Mitglied des aus Häftlingen zusammengestellten Frauen-Orchesters für die Lagerleitung musizieren darf, hat Arthur Miller zu einem komplexen Moralspiel verdichtet.

Drei Frauen, drei Überlebensversuche, drei Möglichkeiten, auf das Ungeheuerliche zu reagieren: Alma Rosi (Jane Alexander), die Dirigentin des Frauen-Orchesters, verschließt die Augen vor dem allgegenwärtigen Terror. Gustav Mahlers strenge Nichte treibt ihre bunt zusammengewürfelten Musikerinnen erbarmungslos an. Auch in Auschwitz, gerade in Auschwitz geht es ihr um die Perfektion ihrer Kunst. Wäre der sensible Doktor Mengele, der aus der Musik „die Kraft schöpft für die schweren Aufgaben, die wir jeden Tag erfüllen müssen“, eines Tages gelangweilt von den armseligen Darbietungen der Kapelle, würde das für alle Frauen im Orchester den Tod bedeuten. So spielen sie um ihr Leben.

Marianne (Melanie Mayron) versucht sich zu arrangieren in der Hölle, ist den Kapos mit sexuellen Dienstleistungen gefällig (keine Angst, ein KZ-Porno ist dieser Film wirklich nicht), ergattert, sich so ein paar Lebensmittel.