Von Jürgen Dauth

Seit mehreren Stunden schaukelt die "Agape", ein zwölf Meter langer Fischkutter einer Bremer Werft, im schweren Wellengang vor Sibolga, dem kleinen Hafen an der Westküste von Sumatra. Gelegentlich blinkt im Wetterleuchten des tropischen Sturmes am Schornstein des Schiffes ein Kreuz. Vor fünfzehn Jahren hatte die "Rheinische Mission" dieses Boot der Kirche von Nias zum 100. Geburtstag geschenkt. Seither ist die "Agape" die einzig respektable Verbindung zwischen Sumatra und der ihr westlich vorgelagerten Insel Nias.

Die protestantische "Agape" ist kein Luxuskreuzer. Die sieben Schwestern der katholischen Nias-Mission, die im Heck unter einer Plastikplane kauern, sind nicht die einzigen Passagiere, die auf der zehnstündigen, rauhen Überfahrt dem Gott der Meere opfern. Der beste Platz ist immer noch in einem Schlafsack auf Deck.

Gegen Morgen hat sich die See beruhigt. Delphine und fliegende Fische begrüßen einen strahlenden Sonnenaufgang und verlassen unser Kielwasser erst kurz vor den schmutzigbraunen Untiefen der Bucht von Gunung Sitoli, der bescheidenen Hafenstadt der Insel Nias. Plumpe Ruderboote laden uns an der rostigen Stahltreppe des einzigen Piers ab, wo ein aufgeregtes Empfangskomitee arbeitsloser Neugieriger die Ankömmlinge der wohl üblichen Inquisition unterzieht. "Wo kommen Sie her?" – "Sind Sie Missionar?" – "Sind Sie Arzt?" – "Wie gefällt Ihnen Nias?"

Schon in Sibolga war ich vor dem einzigen Hotel am Ort, dem "Wisata", gewarnt worden. Die Preise bei mehr als bescheidenem Standard können mit dem "Hilton" in Djakarta konkurieren. Was Wunder, müssen doch die Gäste für das Heer nicht zahlender Riesenschaben und Ratten aufkommen.

Die Alternative, das katholische Rasthaus, schlägt mir angesichts meines protestantischen Taufscheins die Tür vor der Nase zu. Es bleibt mir somit nichts anderes übrig, als mich doch dem Nepp des "Wisata" auszuliefern. Meine Hoffnung, es bei einer Übernachtung bewenden zu lassen, wird schnell enttäuscht. Der einzige Bootsverleiher, der mich zur Südspitze der 110 Kilometer langen Insel bringen könnte, zeigte sich arbeitsunwillig. Vermutlich ist er am Hotel "Wisata" beteiligt. Erst drei Tage später läßt er gnädigst einen Küstenkutter zu Wasser.

Wo der Mejaya-Fluß an der Ostküste von Nias ins Meer mündet, noch eine halbe Tagesreise vom südlichen Hafen Teluk Dalam entfernt, lasse ich mich bei einer einsamen Holzkirche an Land setzen. Hier endet, nach den geographischen Vorstellungen der Süd-Niasser, das Land der geldgierigen Aramö – wie sie die Nordbewohner nennen. Es beginnt Gottes auserwähltes Land, der Herrschaftsbereich der Maenamölö, die den übrigen Bewohnern von Nias schlichtweg das Menschsein aberkennen.