Lieber Pit!

Hier ist eine ganz besondere Lektüre für dich. Weder Comic, Roman noch Bilderbuch, aber alles zusammen und etwas mehr: eine Art von Sachbuch über die Vagabunden. Wichtig, spannend und gut gemacht, du erfährst, was du wissen mußt, und das ist viel. Sag mir, was du von der Sache hältst, Ich selber bin parteiisch, das kannst du dir denken, mir sind Vagabunden lieber als clevere Bäuche, und hier erfährst du, warum das nicht anders sein kann. Du lernst die Geschichte der Ausgestoßenen kennen und die Lebensweise derer, die draußen sein WOLLTEN, der unfreiwillig und freiwillig Nichtangepaßten, die jahrhundertelang als GESINDEL bezeichnet wurden. Das waren die Bettler, Händler und Hausierer, die Bürstenbinder, Köhler und Pfeifenverkäufer; die Schäfer, Henker, Korbflechter, Scherenschleifer (man hört sie heute noch durch die Dörfer pfeifen, die Schleifmaschine ist auf ein Fahrrad montiert); die Zigeuner, Wunderdoktoren und falschen Vögel; die Quacksalber, Mordbrenner, Diebe und Betrüger; die Puppenspieler und ehrlichen Tippelbrüder. Du bist erstaunt, daß es nicht nur Vereinzelte waren. Sie bildeten Banden, Horden und Großfamilien, eigene Subkulturen und Anarchie, ambulante Gesellschaft gegen jede Macht. Sie besaßen eigene Sprachen und Dialekte (zum Beispiel ROTWELSCH, herrliche Gaunersprache) und eigene Zeichen der Verständigung (sie illustrieren das Buch, eine Kostbarkeit!). GAUNERZINKEN waren Zeichen, die man an Ortsschilder, Häuser und Türen malte; man warnte einander und versuchte zu helfen. Ein Kreuz (+) war der Hinweis, FROMM ZU TUN, wenn man um Arbeit, Essen und Nacht’-^er bat.

Es sind sehr gute Bilder in dem Buch: Landkarten, Photographien und alte Stiche, die Gesichter und Gestalten der Fahrenden, ihre Wagen und Werkzeuge, Straßen und Tiere. Wenn du das alles gesehn und gelesen hast, wirst du dich fragen, warum das ROMANTISCH sein soll. Denn nichts war romantisch oder phantastisch daran. Es war ein hartes Leben mit harten Gesetzen, rechtlos in Hunger und Kälte, und vogelfrei. Du kannst eine Menge von den Methoden erfahren, mit denen sie verfolgt und gebrandmarkt wurden, mißhandelt, geächtet und inhaftiert, beseitigt, gehenkt und zur Arbeit gezwungen. Die starken Methoden von Polizei und Justiz. Und was hältst du von Notizen dieser Art: "Dresden, am 1. Februarii 1720: Vor etlichen Tagen ist in der Bettelvogtey ein eingesperrter Junge gestorben, welcher, weil ihm aus Nachlässigkeit der Bettelvoigte kein Brod gegeben worden, sich beede Hände abgefressen Und weiter: .. werden zwei Zigeuner ohne Prozeß in der Elbe ertränkt. Der Kurfürst von Mainz rühmte sich sogar, er habe alle männlichen Zigeuner der Gegend hinrichten lassen und ihre Weiber und Kinder mit glühenden Eisen brandmarken lassen ..." Es kann nichts schaden, immer mal wieder zu wissen, daß die Zigeuner ausgerottet wurden, wie alle Fahrenden ungern gesehen wurden, öfter mal Kneipenverbot in Deutschland erhalten und neben den Müllplätzen parken müssen.

Nun bist du gewohnt, Romane und Comics zu lesen, die Dialoge und Handlungen zu verschlingen. Du liest die Seite runter und blätterst um. In diesem Fall ist das nicht so leicht zu machen, weil das Buch – der Bericht – mit vielen Zitaten belegt wird, das heißt: unterbrochen, du kannst das nicht Hinterschlingen. Die Zitate sind häufig alten Büchern entnommen und in der alten Schreibweise abgedrückt. Das ist besonders reizvoll an diesem Buch. Im Anhang findest du ein Quellenverzeichnis, die Liste der Bücher, woraus die Zitate stammen, sodaß du, falls dir dies Buch nicht genügt, eine Menge anderer Bücher aussuchen kannst.

Gib doch das Buch auch deinen Freunden zu lesen. Also Rolly, weil er neugierig ist; und Jim, weil er Tag und Nacht vorm Fernseher hockt; und Klaus, weil er praktisch im Transistor wohnt; und natürlich, Clärchen, Ruppi und Ringo Lakritze. Also eigentlich allen, die du magst. Und vor allem: allen Wundertüten, die keine Ahnung haben und haben wollen.

Ich bin sicher, daß dich das Buch betrifft. Möglicherweise geht es dir unter die Haut. Wir sprechen darüber, wenn du das nächste Mal kommst, und zwar aus einem bestimmten Grund. Die Gauner, Vagabunden und Pfeifenhändler, das waren die Minderheiten früherer Zeit (sie sind es noch heute, sofern es sie heute noch gibt). Die Minderheiten von heute: das ist das nächste Kapitel, das setzt das Buch in entsprechender Weise fort. Du selbst gehörst vielleicht zur Minderheit derer, die leidenschaftlich in guten Büchern schmökern. Während man überall zur Mehrheit gehört, zur Familie der Volkswagenfahrer und Fernsehbetrachter, nehmen die Minderheiten täglich zu. das sind die Gastarbeiter und Trebegänger, die Rauschgiftsüchtigen und die alten Leute, die Häftlinge, Haftentlassenen, Arbeitslosen, die überall Ausgeflippten und Nichtangepaßten – die Minderheit derer, die am Rand existieren, bewußt oder unfreiwillig, aus hundert Gründen. Also wir sprechen darüber, wenn du kommst, und ich gebe dir ein paar neue Bücher mit. DIE NESSELN BLÜHEN, von Harry Martinson. Eine gute Ergänzung zu diesem Buch. Bis bald!

PS: Ich entdecke eben, was für ein Strolch du bist. Du hast meine Bücher von Stevenson behalten. Du weißt doch, ich hänge an den alten Büchern, also bring sie so schnell wie möglich zurück. Ich verspreche dir dafür ein paar Neuausgaben. DIE SCHATZINSEL kennst du in sämtlichen Varianten, aber hast du den Roman DIE ENTFÜHRUNG gelesen? Und DER PAVILLON IN DEN DÜNEN – was sagst du dazu! Die Beschreibung des Regens und der Nächte im Wald; die schottischen Landschaften, Küsten und Moore; die fremden Typen mit der Taschenlampe, und wie der Pavillon an der Küste steht, und was passiert und wie man dahinterkommt, das große Feuer am Schluß und die Art zu erzählen; die beiden Bände mit den Südseegeschichten: das gehört zum Besten, was ich gelesen habe. Ich verstehe, daß du die Bücher besitzen mußt, nicht hergeben willst, der Mundraub des Bücherlesers. Also gut: gib die Bücher an Clärchen weiter. Zwei Lesewochen für Clärchen, und dann wieder ich. Christoph Meckel

Angelika Kopecny: "Fahrende und Vagabunden – Ihre Geschichte, Überlebenskünste, Zeichen und Straßen"; Verlag Wagenbach, Berlin; 188 S., 9,50 DM.