Respekt vor Günter Gaus: Gegen alte Vorstellungen anzudenken, kann schmerzen. Aber hat er recht? "Wir müssen möglicherweise sogar darauf verzichten, den Begriff Nation weiter zu verwenden", meinte er.

Hat Gaus vielleicht von Adenauer gelernt? Der war gewiß als Rheinländer ein guter Deutscher, haßte aber den Nationalismus, der ihm preußisch schien. Ich jedenfalls habe mich 1946 für Adenauer und die CDU entschieden, weil er die Versöhnung mit dem "Erbfeind" Frankreich versprach, als ersten Schritt zur Einheit des Abendlandes. In der Wahl 1953 siegte Adenauer, weil er für den Europarat und Kurt Schumacher dagegen stritt. Der Aufbruch aus der kleinen Nation in die Weite Europas war sicher auch opportunistisch ("souverän werden wir doch nicht mehr"). Aber als unsere Bürger, die jüngeren vor allem, die Grenzpfähle zu Frankreich niederlegten, trieb sie eine Sehnsucht: Das ehrwürdige Europa wiederherzustellen, über die "Nationen" hinweg.

Einst hatten sich die Europäer als eine Einheit gesehen. Karl der Große war ihr Kaiser gewesen, jenseits wie diesseits des Rheins. Nahe meiner Heimatstadt Hamburg steht in Bardowick einer der schönsten romanisch-gotischen Dome, dessen Grundstein unter Karl gelegt wurde. Im Jahre 800 krönte Leo III. Karl d. Gr. zum Kaiser, "Romanum gubernans Imperium" (das Römische Reich beherrschend). Später sprach man vom "Heiligen Römischen Reich deutscher Nation". Die Überzeugung, trotz dynastischer Kriege zusammenzugehören, hat Europa nie verlassen; das änderte sogar die Reformation nicht.

Als das Reich ohnmächtig wurde, entstanden zunächst noch keine Nationen, sondern Dynastien, die Teilgebiete beherrschten. Adel und höheres Bürgertum, bisher europäisch denkend, wurden auf den Herrscher ausgerichtet. Nationale Sprache und nationales Recht dienten der Abgrenzung zu anderen Ländern. Allmählich entstanden so die Nationen.

Als dann die Aufklärung die Souveränität des Volkes verkündete, wurde der König aus dem Zentrum der Nation verdrängt. Nun hatten die Bürger "ihren" Staat, ihr Vaterland. So wurde die Nation Vehikel der Besinnung des Bürgers auf seine Freiheit und seine persönliche Würde gegenüber der erstarrten Herrschaft. Da hat die "Nation" Großes geleistet. Als sie aber entstanden waren und ihre Herrscher besiegt hatten, entdeckten die Nationalstaaten, daß die anderen Staaten sie behinderten. So bekriegten sie einander.

Die Konservativen hatten immer dem "nationalen Geist" mißtraut; nicht nur, weil sie ihren Herrschern anhingen, sondern weil sie die zerstörenden Kräfte der Nation vorhersahen. Goethes Abneigung gegen den nationalen Aufstand gegen Napoleon hat ihn lange den Deutschen entfremdet. – So wollten auch die Konservativen unserer Tage, Adenauer, de Gasperi und Schumann, an die "Nation" nur noch denken als Teil einer größeren, über tausend Jahre alten Einheit. Die Epoche der Nationalstaaten wollten sie beendet seien.

Europa ist noch nicht entstanden – die europäische Idee aber nach wie vor gültig. Gaus nimmt vorsichtig, wie selbstverständlich, darauf Bezug. Woher also die Vorwürfe?