Der erste Schultag ist für Kinder ein denkwürdiges Ereignis. Erwartungsvoll beklommen tun sie an der Hand der Mutter den ersten Schritt in den neuen Lebensabschnitt. Die Schule empfängt sie mit einer Feierstunde, von den Eltern erhalten sie die mit Leckereien gefüllten Zuckertüten. Doch dann werden sie meist unvermittelt dem undurchschaubaren Betrieb einer Institution überlassen.

Nicht so in der Albert-Schweitzer-Schule im Hamburger Vorort Wellingsbüttel. Hier werden die Abc-Schützen der Obhut von Paten – älteren Schülern des achten Jahrgangs – anvertraut, Die Paten nehmen die Knirpse am ersten Tag in Empfang und führen sie in die Schule ein. Hand in Hand marschieren je ein "Kleiner" und ein "Großer" zum Festakt in die Aula. Ein Bild, das haften bleibt bei Mitschülern, Lehrern und Eltern, das einen Eindruck davon vermittelt, was Schule sein kann: überschaubare Gemeinschaft, verantwortungsvolles Miteinander und behutsames Hinführen zum Erwachsenendasein.

Die vor dreißig Jahren gegründete Albert-Schweitzer-Schule verfolgt ein Erziehungskonzept, das ganz vom Geist des großen Namens getragen ist. Sie will nicht bloß Unterrichtsstätte sein, sondern ein Ort, an dem "Ehrfurcht vor dem Leben keine überholte Sentimentalität bedeutet".

Die Form der Betreuung, die ältere Schüler für die Neuankömmlinge übernehmen, stammt bereits aus der Anfangszeit der Schule. Die Paten haben eine Vermittlerfunktion zwischen Schule und Elternhaus. Sie erleichtern den Kleinen den Eintritt in die Gemeinschaft, die während der wichtigen Entwicklungsjahre für sie bestimmend sein wird. Bereits einige Wochen vor Beginn des neuen Schuljahres nehmen die Schüler Kontakt mit der Familie des ausgewählten Patenkindes auf. Man trifft sich, beschnuppert sich und schließt meistens schnell Freundschaft. Am ersten Schultag werden die frischgebackenen Eleven von ihren Paten in den Klassenraum gebracht – Eltern läßt man nicht bis ins Allerheiligste vordringen. Auf ihren Plätzen finden die Erstkläßler Namensschilder und buntbemalte Schultüten.

Im Schulalltag übernehmen die Paten dann eine ganze Reihe fürsorglicher Aufgaben und entlasten damit nicht Zuletzt den vielgeplagten Klassenlehrer. Da sind die vielen kleinen Kümmernisse ein abgebrochener Bleistift, ein verlorener Handschuh, ein Mantelknopf, der nicht ins Knopfloch gehen will – der Lehrer wünscht sich da manchmal zwanzig Hände. So heißt es einfach: "Geh zu deinem Paten."

Auch die schönen Seiten des Schullebens stehen im Zeichen des Füreinander. Es wird gemeinsam gewerkelt und gesungen, Klassenfeste und Geburtstage werden mit den Paten zusammen gefeiert, und in jeder großen Pause sieht man die Sechsjährigen und die Dreizehnjährigen übermütig auf dem fichtenumsäumten Schulhof herumtollen, als gäbe es keinen Altersunterschied zwischen ihnen.

Eine besonders wichtige Aufgabe für die Paten ist der Schulweg. In den ersten Wochen holen sie ihre Schutzbefohlenen täglich von der Bahn ab und machen sie mit den Gefahren des Verkehrs vertraut. Pädagogischer Hintergedanke dabei ist, erklärt Klassenlehrer Hans-Jürgen W., der auch Verkehrsunterricht erteilt, daß Kinder bis zur achten Lebensjahr durch Nachahmung lernen, Der Schützling betrachtet seinen Paten, ähnlich wie die Eltern, als Bezugsperson und Vorbild. Er ahmt sein Verhalten nach – selbst wenn es nicht vorbildlich ist. Das Vertrauen der Kleinen verpflichtet: Die jungen Assistenzpädagogen müssen sehr viel Verantwortungsbewußtsein und Disziplin zeigen, um ihrem anspruchsvollen Amt gerecht zu werden.