Auf der Bühne des Theaters am Ballhof in Hannover steht – halb Motorrad halb Blinklichtanlage – eine Zeitmaschine. Die Hauptdarstellerin in Günter Kunerts erstem Bühnenstück entführt nicht nur Menschen aus dem Jahr 1925 ins Jahr 2025 – nein, sie leistet auch dies: Dem Zuschauer dehnt sich die Aufführungszeit (zweieinhalb Stunden) auf das Dreifache; erschöpft wie nach einem Achtstundentag wankt man nach der Begegnung mit den "Futuronauten" aus dem Theater. Dies ist eines jener Lustspiele, wie man sie im ZDF so gern abschaltet.

Mit biedermeierlicher Behäbigkeit nähert sich Kunert dem (aufregenden) Thema der Zeitmaschine, das er in dem 1895 erschienenen, gleichnamigen Roman von H. G. Wells fand. Ein schrulliger Mediziner namens Erasmus Beilowski hat die Maschine in einem Antiquariat entdeckt. Doch weder er noch seine Freunde trauen sich auf das Gefährte Die Runde aus Intellektuellen, Politikern, Unternehmern beschwatzt einen Arbeiter, das Risiko auf sich zu nehmen und als erster Futuronaut in die Zukunft des nächsten Jahrtausends zu galoppieren. Als die Maschine wieder sichtbar wird, sitzt ein anderer im Sattel, ein alter Mann, der – weil er aus dem Morgen kommt – "Morgen" heißt. Er ist verletzt: Offenbar hat er die Maschine mit Gewalt an sich gebracht und den Arbeiter gezwungen, von der Pistole Gebrauch zu machen, die ihm die Herren runde eher aus dekorativen Gründen zugesteckt hat.

In einer vom Computer-Deutsch mild geprägten Diktion plaudert Herr Morgen von seiner Zeit, unserer Zukunft. Vögel ("die ehemaligen Bewohner der Luft"), gibt es nicht mehr, auch keine Menschen über siebzig; wer die sechzig überschritten hat, erhält "das Hilfsmittel", eine Medizin, worauf er "dem Verbleichen anheimfällt Mit sanfter Gewalt zwingt die Runde Herrn Morges wieder auf die Maschine: Er soll wenigstens den Arbeiter aus der Zukunft zurückholen. Während die Maschine entschwindet, "hört man einen fern hallenden Schuß", Wer erschießt wen? Der Arbeiter Herrn Morges? Oder der Mann des Jahres 2025 den von 1925? Auf jeden Fall kehrt keiner zurück. Auch die teure Maschine ist perdü. Und mit seiner Pif-paf-Dramaturgie hat Kunert sein Stück in sieben Szenen, endlich, gemeuchelt.

Zum Ruhme der Inszenierung durch Alexander May darf gesagt werden, daß sie dem Zuschauer viel Maße läßt, immer wieder ins Programmheft zu schauen und dort mit ungläubigem Staunen als Verfasser den Namen eines zu Recht berühmten Lyrikers und Erzählers zu finden. Seine Absage an jede Form von Utopie kleidet der pessimistische Sprachkünstler in einen kabarettistisch angehauchten Faschingsscherz, mit Dialog-Höhepunkten solcher Art: ,,,Partei Unaufhaltsamen Fortschritt? – das ist ein guter Name." – "Aber die Abkürzung, Oder wurdest du: gern öffentlich bekunden, du serest ein PUF-Mitglied?"

R. M.