Mit seiner Rede vor dem sowjetischen Parteitag hat der polnische KP-Chef Kania die Gewerkschaft "Solidarität" herausgefordert.

Mit Aufmerksamkeit wurde in Polen der 26. Parteitag der KPdSU in Moskau verfolgt. Zufrieden registrierte man, daß die Gegner der Reformpolitik im sozialistischen Lager auf erneute Angriffe verzichteten. Weder SED-Generalsekretär Honecker noch der tschechoslowakische KP-Chef Husak äußerten sich zum Reizthema Polen.

Ausgerechnet Parteichef Kania wiederholte in Moskau die Formel von der Konterrevolution, die es in Polen zu verhindern gelte. Erneut fühlte sich die Gewerkschaft Solidarität angesprochen und reagierte heftig. Der Bezirksverband Stettin warf Kania vor, er habe eine "willkürliche und tendenziöse Schilderung" der Lage – gegeben. Von den wirklichen Ursachen, der Krise werde auf diese Weise nur abgelenkt. Vorsichtshalber stellte der Bezirksverband richtig, daß die gutnachbarlichen Beziehungen zur Sowjetunion und die Mitgliedschaft im Warschauer Pakt keineswegs gefährdet seien.

Zur wirtschaftlichen Krise in Polen gab die Regierung neue Daten heraus. In den ersten sieben Wochen dieses Jahres ist die Ausfuhr in sozialistische Staaten um 22 Prozent, der Export in den Westen um 32 Prozent zurückgegangen. Vom 1. April an werden Fleischprodukte nur noch auf Marken verkauft; die Zuckerrationen wurden bereits reduziert.

Das Grundproblem der polnischen Wirtschaft besteht darin, daß die Produktion in den vergangenen Monaten gefallen ist, während die Löhne stetig gestiegen sind. Das Parteiorgan Trybuna Ludu fragte: "Wollen wir einen konsumorientieren Plan, oder wollen wir die Krise bewältigen?" Das eine Ziel schließe das andere aus.

Premierminister Jaruzelski war wegen der schwierigen Wirtschaftslage vorzeitig vom Moskauer Kongreß nach Warschau zurückgekehrt, wo er eine Tagung der Kommission für Wirtschaftsfragen leitete. Diese Kommission sucht nach einem Weg aus dem wirtschaftlichen Dilemma: Wie kann Polen den Export in den Westen steigern und gleichzeitig Energie und Rohstoffe sparen?