Von Franz Schöler Was man zuerst hört, sind Frequenzgemische, Sägezahntöne und Rechtecksignale eines Synthesizers. Dann kommt ein über Effektgeräte verfremdeter Rhythmusgeber hinzu, der den Takt schlägt. Der monoton gezupfte Baß im Hintergrund vermischt sich mit anderen elektronischen Klängen, die impulsiv ein- und ausgeblendet werden. Später Klangeinsprengsel, die von einem Tenorsaxophon gespielt sein könnten, in ihrer Eigenart aber nicht so definiert sind, als daß sie nicht auch aus der Erfindung des Dr. Moog ertönen könnten.

Der Mann am Synthesizer scheint gerade noch sein Gerät überprüfen oder programmieren zu wollen, als nach dieser stimmungsvollen Einleitung eine frequenzmäßig stark komprimierte Stimme einen monotonen Refrain zu singen beginnt: "... this is entertainment, this is fun..." Der Song könnte eigentlich ewig so weitergehen, harmonische Entwicklung oder kompositorischer Verlauf sind nicht erkennbar, auch nicht gewollt, eine Idee wird ständig wiederholt, bis das Stück nach genau sechs Minuten ausgeblendet wird;

Eine Parodie auf Elektronik-Rock oder dessen konsequente Weiterführung? Ein akustischer Horrorspaß? Eine Elektronik-Rock-Reflexion über den Alptraum "Eraserhead" Oder eine Botschaft für Eingeweihte? Hier spielen nicht Devo oder Ültravox, auch nicht Père Ubu, Public Image Limited oder auch nur Brian Eno bei der Synthesizerprobe. Die Gruppe nennt sich Cabaret Voltaire, der Langspielplatte gab sie den Namen "The Voice of America", und das Stück trägt den hintersinnigen Titel "This Is Entertainment".

Die Idee von Unterhaltung und fun, die hier aufgegriffen und umgedreht wird, ist alles andere als jedermanns Sache, der Unterschied im Selbstverständnis zwischen dieser Rockmusik und einem Beatles-Lied vergleichbar dem zwischen Cage und Kagel auf der einen und einer Schubert-Sonate auf der anderen Seite, vielleicht sogar noch größer und entschiedener.

Das hat – ohne jede qualitative Wertung – nicht nur mit der historischen Distanz zu tun, in der diese neueste Post-Punk-Rockmusik der Swell Maps und Joy Division, Cabaret Voltaire, Killing Joke und Young Marble Giants entsteht, sondern auch mit der gefühlsmäßigen Disposition der Zuhörer, die sie ansprechen möchte. Mit der künstlerischen wie kommerziellen Ökonomie der Musikindustrie, in deren Zwänge sich diese Gruppen nicht hineinbegeben wollen. Und mit der tontechnischen Realisation, welche diese Nobudget-Produktionen charakterisiert.

Wo die Klein- und Großverdiener des Rockbusiness einen aufwendigen Studioapparat in Bewegung halten, beschränken sich die genannten Bands – von der Anschaffung diverser Synthesizer einmal abgesehen – auf die relativ billigsten Produktionsmittel, die auch Anfängern und Amateuren recht preiswert zugänglich sind. Dem Klangeindruck nach zu urteilen, könnte "This Is Entertainment" auch daheim auf Zwei- oder Vierspurmaschinen aufgenommen und dann im Studio binnen weniger Stunden mit Profi-Trickapparaturen bearbeitet und überspielt worden sein ."What’s your obsession?" fragt derselbe Sänger unablässig in einem anderen Song der LP. Besessen ist er seinerseits von dem Gedanken, eine Rockmusik zu machen, die sich in Harmonik, Aufnahmeprozedur und Textinhalten radikal von dem absetzt, was man heute gemeinhin unter dem Begriff versteht.