Von Volker Mauersberger

Madrid, im März

Die Veranstaltung war schon lange geplant, doch plötzlich erhält sie eine von tiefer Symbolik geprägte Aktualität: Auf dem langgestreckten Hof der Militärakademie von Saragossa präsentiert sich an diesem regnerischen, von kühlen Windböen durchpeitschten Tag König Juan Carlos zum erstenmal wieder in der Öffentlichkeit. Sechs Tage nach dem fehlgeschlagenen Staatsstreich steht Spaniens Staatsoberhaupt einer Eliteeinheit jener Streitkräfte gegenüber, von denen vier Generäle und über zwanzig Offiziere in einem lang geplanten Komplott gegen ihren König und Oberbefehlshaber rebelliert hatten.

Der Auftritt des Königs hatte eigentlich zum Tag der solidarischen, von Erinnerungen an die eigenen Rekrutenjahre durchwebten Rückschau werden sollen, denn in Spaniens Elite-Akademie hatte Juan Carlos als junger Kadett seine militärische Laufbahn begonnen. Doch nach dem Schock jenes 23. Februar, als ein Oberstleutnant der "Guardia civil" mit zwei Hundertschaften der para-militärischen Bereitschaftspolizei das spanische Parlament überfiel, wird die Begegnung des Oberbefehlshabers mit der Armee zur beklemmenden Konfrontation: Ernst, umgeben von seinen drei Kindern-und einer, in Abweisung. erstarrten Königin, ermahnt Juan Carlos die Streitkräfte zu Verfassungstreue und Disziplin. Doch fast sybillinisch, als wolle er die Schmach der militärischen Revolte verdrängen, spricht er von den "aktuellen Ereignissen", kritisiert "unbedachte Handlungen" und setzt seiner Rede sogar das Lob hinzu, daß "Spaniens Armee in ihrer Liebe zum Vaterland ein Vorbild für die spanische Gesellschaft sei". Noch vor fünf Tagen hatte er sich im Zarzuela-Palast von Madrid den putschenden Generälen mit dem Satz entgegengestellt: "Ich gehe aus Spanien nicht fort. Die Rebellen müssen mich erst töten, bevor ich ihnen den Weg freigebe."

Hat Spaniens Monarch etwa vor den Streitkräften gekuscht, die in einer gefährlichen, von langer Hand vorbereiteten Erhebung die Ablösung der Demokratie und die Errichtung einer Militärdiktatur vorbereitet hatten? Die fast milde, schützend um Vertrauen für die Streitkräfte werbende Rede des Königs will so gar nicht zu den dramatischen Enthüllungen passen, mit denen gut informierte Beobachter die spanische Öffentlichkeit fast täglich von neuem schockieren. An der Spitze des Komplotts vom 23. Februar standen nicht nur Oberstleutnant Tejero Molina und der Generalkapitän der 3. Militärregion von Valencia, Milans del Bosch, sondern auch der stellvertretende Stabschef des Heeres, General Alfonso Armada, dessen infames Doppelspiel weder König Juan Carlos noch der Chef des hohen Generalstabs, General Gabeiras, durchschauten.

Besorgt, immer noch unter dem Schock der Ereignisse, lebt Spanien in dem erleichterten Gefühl, dank der Umsicht und Entschiedenheit des Königs noch einmal an einem Staatsstreich vorbeigekommen zu sein. Doch die bange Frage wird immer deutlicher gestellt, ob sich ein solcher Anschlag nicht in Kürze wiederholen könne. Immerhin hat es ein Versagen der Verantwortlichen auf der ganzen Linie gegeben: Schon die Hintergründe der fehlgeschlagenen, "Operation. Galaxia", bei der die spanische Regierung durch den tionieren der spanischen Geheimdienste bestätigt. Nun, nach der dramatischen Geiselnahme von Regierung und Parlament, schien die Illoyalität der Geheimdienste von "Guardia Civil", spanischer Armee und selbst der spanischen Regierung bewiesen zu sein: Wie sonst konnte es geschehen, daß Verteidigungsminister Rodriguez Sahagun von der sich anbahnenden Revolte nichts ahnte und selbst die ranghöchste Generalität keinen Wind davon bekam, daß offensichtlich General Alfonso Armada jene "militärische Autorität" sein sollte, deren Auftritt der Putschist Tejero noch wenige Minuten nach seinem Überfall angekündigt hatte?

Die Ahnungslosigkeit, mit der Spaniens Volksvertreter sowie die zuständigen Innen- und Verteidigungsminister diese Militärrevolte haben heraufziehen lassen, mag besorgt stimmen; beängstigender noch erscheint indessen, daß die Militärs bereits vor dem Putschversuch tief in die politischen Ereignisse mit eingegriffen haben. Heute bezweifelt niemand mehr, daß Regierungschef Adolfo Suarez durch Pressionen der Militärs zu seiner Demission gezwungen worden ist.