Von Hans-Jürgen Fröhlich

Nachbarnkann mansich so wenig aussuchen wie die eigenen Eltern. Sie sind da: mit Erwartungen, mit ihren Ratschlägen, nicht selten auch mit Mißtrauen und Vorurteilen. Volks- und Dichtermund haben zum Thema Nachbarschaft manch ehernen Spruch beigesteuert, und der gültigste ist noch immer der, daß auch der beste Mensch in Frieden nicht leben kann, wenn es dem Neben-, Unter- oder Überbewohner mißfällt. Man kann versuchen, den Nachbarn aus dem Wege zu gehen, man kann sich auch mit ihnen arrangieren. Ignorieren kann man sie nicht. Sich ihnen entziehen kann man nur, indem man umzieht – dorthin, wo einen andere Nachbarn erwarten. Nun ziehen aber. jedenfalls in Europa, die wenigsten Menschen – und zuallerletzt der Nachbarn wegen – gern um, und noch immer beziehen die meisten eine Wohnung oder das eigene Haus in dem Gefühl, dieses Haus oder diese Wohnung so bald nicht wieder zu verlassen.

In Amerika ist das anders. Man wohnt, ob in einem Haus oder in einer Wohnung, auf Zeit. Was keineswegs bedeutet, daß die Amerikaner von Natur aus mobiler sind, aber sie sind auf jeden Fall flexibler und müssen es sein. Und das wirkt sich in diesem Lande, wo das Wort "Neighbourhood" ganz großgeschrieben wird, auch auf das Verhältnis zu den Nachbarn aus. Das war jedenfalls unser erster Eindruck, als wir in Austin/Texas unsere Wohnung in einem zweigeschossigen Apartmentkomplex bezogen und mit Hunderten von Nachbarn sozusagen Tür an Tür lebten. Alle waren freundlich, keiner schien sich um den anderen zu kümmern. Man grüßte sich lächelnd; fragte "How are you today?" und ging seiner Wege. Neue Gesichter überraschten nicht; denn hier wurde alle paar Tage umgezogen oder eingezogen oder ausgezogen.

Und sollte die Freundlichkeit der Amerikaner auch nur angelernt sein, ganz äußerlich und letztlich sogar unaufrichtig, wie viele Europäer behaupten, so muß ich gestehen, daß ich diese freundlichen Gesichter den ewig verdrossenen vorziehe, auch wenn diese Verdrossenheit aufrichtig ist.

Unser Leben in Austin versprach also leicht und angenehm zu werden. Die meisten Bewohner dieser Anlage kannten wir nur vom Sehen, wußten über keinen etwas Genaues und konnten über alle phantastische Mutmaßungen anstellen. Wir wohnten unbehelligt und anonym.

Aber da waren die Kinder, und sie waren es, die unsere Anonymität durchlöcherten. Unsere Nachbarn zur Linken hatten eine kleine Tochter. Sally hieß das Mädchen, und dieser Name war unserem dreijährigen Sohn sehr vertraut, da ein "schokoladenbraunes Mädchen" in einem seiner Bilderbücher so hieß. Eines Tages brachte er das Bilderbücher mit in unsere Wohnung, um seine Spielsachen zu zeigen. Es dauerte nicht lange, da erschien Sallys Mutter, eine Frau von Dreißig. An ihrer Aussprache hörten wir, daß sie keine Amerikanerin war, und dann erfuhren wir, daß sie und ihre Familie aus Kairo stammten und daß sie erst seit einem Jahr in den USA lebten. Also Fremde, wie wir, Ausländer. Für Ägypter freilich hätten wir sie nie gehalten. Sally war, wie auch ihre Mutter, blond und ihre Haut keineswegs "schokoladenbraun" wie die des Mädchens in dem Kinderbuch. Sie hätten, erzählte die Sally-Mutter, ihr Land verlassen, weil sie sich nach ihrem Übertritt zum Christentum in der Heimat ziemlich isoliert gefühlt hätten. Es der dieses aber ein ganz bewußter Schritt gewesen, desgleichen ihr Entschluß, jetzt in Amerika zu leben.

Sallys Vater – wir sahen ihn selten – war Psychotherapeut und arbeitete in einer Austiner Klinik. Die Sally-Mutter war Ärztin, übte ihren Beruf nach der Geburt des Kindes aber nicht mehr aus. Sie war den ganzen Tag mit ihrer Tochter beschäftigt: trug sie auf dem Arm spazieren, las ihr vor oder schaute sich mit ihr das Kinderprogramm im Fernsehen an. Sie war eine bis zur vollständigen Erschöpfung um das Wohlbefinden ihres Kindes besorgte Mutter.