Der südkoreanische Präsident Chun Doo Hwan eröffnete seine neue Amtszeit mit einer Amnestie für mehr als 5000 Häftlinge. Doch ungezählte Bürger erleiden weiterhin Verfolgung.

Wenige Stunden nach einem Appell von amnesty international, die Menschenrechte in Südkorea zu achten, verkündete der neue starke Mann des Landes die bisher größte Amnestie seit Bestehen des Staates. Sie war freilich schon eine Woche vorher angekündigt worden. Solche Gnadenakte gehören traditionell zum Amtsantritt eines Präsidenten.

Aus der Haft befreit wurden 2417 Gefangene; bei 646, darunter 59 "Lebenslängliche", milderte man das Strafmaß; 167 erhielten ihre bürgerlichen Ehrenrechte zurück, und 968 wurden auf Ehrenwort entlassen. Bei dem Rest handelt es sich um Koreaner, die, weil sie auf der Schwarzen Liste stehen, im Ausland leben und nun in ihre Heimat zurückkehren können.

Das Ausmaß der Amnestie überraschte zwar, doch weiß niemand genau, wie viele Dissidenten noch in den Kerkern schmachten. Nach dem Putsch, durch den General Chun an die Macht gelangte, sollen mehr als 57 000 Südkoreaner festgenommen oder verbannt worden sein. Nicht von der Amnestie betroffen war Oppositionsführer Kim Dae Jung, den der Präsident erst hatte zum Tode verurteilen lassen, dann aber, kurz vor seinem Staatsbesuch in Amerika, zu lebenslänglicher Haft begnadigte.

Immerhin hat der Präsident angekündigt, er könnte die Amnestie auch auf jene 83 Bürger der Stadt Kwangju ausdehnen, die nach dem blutigen Aufstand im Mai vorigen Jahres verurteilt wurden – drei sogar zum Tode –, deren Urteile aber noch nicht rechtskräftig sind.

Vor allem auf diese Gefangenen wollte amnesty international aufmerksam machen. Die Hilfsorganisation rügt im einzelnen: Haft ohne gesetzliche Handhabe, unmenschlichen Strafvollzug, durch Folter erzwungene Geständnisse. Viele Bürger verloren ihre Freiheit nur deswegen, weil sie das Recht auf Rede- und Versammlungsfreiheit beansprucht hatten. Die von Chun beförderte neue Verfassung aber garantiert den Schutz der Menschenrechte.

Vor 9000 geladenen Gästen ließ sich General Chun am Tage seiner Amtseinführungfeiern. Er darf nun für sieben Jahre das Land regieren. Wichtiger als die Zustimmung eines Wahlmännergremiums, an der sowieso niemand zweifelte, war ihm die Rückendeckung durch den amerikanischen Verbündeten und durch den Nachbarn und Handelspartner Japan. Obschon die Beziehungen zu Japan nach der Verurteilung Kim Dae Jungs auf den Nullpunkt gesunken waren, erschien jetzt sogar Außenminister Ito zur Feier in Seoul. Präsident Chun versprach in seiner Antrittsrede, sein Land vor jeder Unterdrückung zu bewahren. Für die Verfolgten muß es wie Hohn geklungen haben. kj.