Von Wolfgang Hoffmann

Seit die Bundesregierung im Herbst 1979 die von der Post geplante Vollverkabelung in elf deutschen Großstädten aus medienpolitischen Gründen rigoros beschnitten hat, ist die Bundespost dem Verdacht ausgesetzt, sie sei schuld an einem Investitionsstau in Millionen-, wenn nicht sogar in Milliardenhöhe. Vom Kabelstau, ja Kabelstopp ist die Rede.

Die Wahrheit freilich lautet anders und noch dazu fast so dramatisch wie die falsche Kunde vom Stau. Lautlos nämlich hat die Post längst jenen politisch noch umstrittenen Weg markiert, auf dem die Republik künftig ihr täglich TV empfangen kann – per Draht aus der Steckdose, statt wie bisher per Antenne vom Dach aus dem Äther. Die Verkabelung, wie die drahtgebundene Informationsverteilung (Kabelkommunikation) salopp genannt wird, schreitet unaufhaltsam fort.

170 Millionen Mark hat die Bundespost inzwischen investiert, 40 000 Wohneinheiten hängen schon am postalischen TV-Draht. Und wenn die Rechnung der Post aufgeht, könnten von ihr jährlich rund weitere 40 000 Wohneinheiten neu hinzukommen. Intern hat die Post in ihrem Etat bis Mitte der 80er Jahre jährlich um 200 Millionen Mark für Kabelzwecke bereitgestellt.

Läuft die Entwicklung so, wie die Post sich errechnet hat, dann ist bis Mitte der 80er Jahre just jenes Finanzvolumen erreicht, das die Post ursprünglich im Rahmen eines Konjunkturprogramms für das Elf-Städte-Kabel-TV vorgesehen hatte, das dann vornehmlich vom Bundeskanzler wegen medienpolitischer Bedenken abgesetzt würde. Die Post hielt sich zwar strikt an den Kabelstopp des Kanzlers, nur – was ihr in den elf Großstädten verwehrt wurde, praktiziert sie nun anderswo. Ministerialdirigent Franz Arnold, Leiter der Abteilung Fernmeldewesen im Bonner Postministerium: "Wir investieren bedarfsorientiert. Wo ein örtlicher Kabelbedarf besteht, etwa wegen der Hochhausabschattung, wegen eines Antennenverbots in einer Kommune oder weil die Gemeinden ein Kabelnetz wollen, überall dort verlegen wir Kabel."

Die Kabeltechnik hat gegenüber der herkömmlichen Antenne auf dem Dach mancherlei Vorzüge. So ist beispielsweise die Qualität des Programmempfangs unübertreffbar. Störungen, Verzerrungen, Flimmern und Schnee im Bild verschwinden total. Die Antennenwälder auf den Dächern der Städte können demontiert werden. Und über die neuen Kabel können weit mehr Programme empfangen werden, als dies ortsüblich mit der Dachantenne möglich ist. Die drahtgebundenen Verteilnetze eignen sich schließlich auch zur Übertragung anderer Daten wie Bildschirmtext oder Fernschreiben. Die Vielfalt dieser Möglichkeiten wird als Breitbandkommunikation definiert, weil die Kabel so breit sind, daß auf ihnen mehrere Verkehrswege Platz haben. Mitte der achtziger Jahre ist eine neue Kabeltechnik, die eine Übertragung von Informationen mittels Licht über Glasfaser erlaubt, serienreif.

In der medienpolitischen Diskussion ist freilich nicht etwa die Kabeltechnik umstritten, umstritten sind lediglich die Methoden der Bundespost bei der Verkabelung und die Frage, wie und in welchem Umfang die neuen drahtgebundenen Verteilsysteme genutzt werden.