ZDF, Donnerstag, 26. Februar: "In der Dämmerstunde – Berlin", von Annik Leroy

Berlin, wie es noch keiner gesehen hat: ein Totenreich in der Dämmerung. Der bleiche Himmel zwischen Nacht und Morgen, davor die scharfen Silhouetten der Schornsteine, Peitschenmasten und Stacheldrähte. Ein Kreuz mit der Dornenkrone, die Mauer, der Landwehrkanal. Styx, Hades und Charon – Vergleiche boten sich wie selbstverständlich an im Angesicht der riesigen Leere, des Schnees überall.

Ein paar Kinder, ein Nachtbus, ein Hund: sonst keine Lebewesen. Nur Steine und Schienen, weite Plätze, vernagelte Fenster, Durchgänge und Hinterhöfe. Als Leitmotiv ein menschenleerer Waggon und die Silhouette einer Frau, auf dem Weg durch ein Nichts aus Stein, Wasser, Eisen und Sand. Dazwischen winzige Wegmarken: Steinstücken, ein winterliches Dorf, Abfahrt des Schnellzugs nach Paris vom Zoologischen Garten, die Mauer am Neujahrstag. Wegmarken, die symbolhaft besetzt werden: Die Weihnachtszeit spielt hinein, die helle Nacht von Bethlehem, die auf die dunkle Nacht von Golgatha verweist.

Wegmarken, Warnzeichen: O Mensch, gibt acht! Was spricht die tiefe Mitternacht Während die Kamera die Steppenlandschaft in der Morgendämmerung abtastet, die verlassenen Botschaften am Tiergarten, wo einst die Exzellenzen verkehrten und heute die Ratten tätig sind – eine durch Kugellampen und stecknadelartige Leuchtpunkte erhellte Kulisse – singt eine Altstimme Zarathustras Rundgesang. Gustav Mahler als Cicerone durchs Totenreich.

Und genau richtig gewählt war sie, diese Musik, die Verfall und Romantik und erinnerte Schönheit beschwört. Wagner und Mahler am richtigen Platz: Denn dieses Totenreich war auch schön, grandios in seiner Abstraktheit und gewaltigen Ruhe, die – endlose Gänge, nicht endenwollende Schienenstränge – ins Bild gesetzt wurde. Tiefe, tiefe Ewigkeit: Minutenlang zumindest war sie präsent.

Ach, hätte sie es doch dabei bewenden lassen, die Photographin Annik Leroy, mit ihrer traumhaft-sicheren Erfassung einer "Metaphysik der Stimmungen" – doch leider wollte sie mehr, tat, wo doch die wenigen Geräuschsignale und die Musik genügten, naturalistische Elemente dazu, ließ im Hintergrund Frauen über den Krieg und über Hitler reden, erteilte einem jüdischen Buchhändler das Wort, nahm am Ende sogar Alltagswelt hinein, ein Zimmer mit Marlboro-Zigaretten auf dem Nachttisch, einem programmiert flirrenden Fernsehapparat und Zahnputzgeräuschen im Hintergrund.

Ein gewollter Stilbruch: Versuche, sich in der Zeit (Hitler noch nicht weit weg) und im Raum zu halten? (Hier. Das bin ich. Das ist mein sehr realer Raum. Davon gehe ich aus.) Vergebliche Versuche auf jeden Fall, Versuche, die Mahler zur Geräuschkulisse machten und die Berliner Impressionen zu kunstgewerblichen Etüden. Also heraus damit. Ein bißchen Totenreich – das gibt es nicht. Was hier gezeigt wurde, bedarf einer strengen, niemals zu verlassenden Perspektive. Tief ist ihr Weh: Da darf kein ach, ganz so schlimm ist es denn doch nicht dazwischenkommen. Da muß gezeigt werden – fand wurde, mit Ausnahme der zwei Stilbrüche gezeigt –: Dies hier ist endgültig. Das hat seinen Sinn in sich selbst.

Momos