Spaziergänge mit Prominenten – Annemarie Renger, Vizepräsidentin des Bundestages, hätte sich gern selber Siege erkämpft

Von Ben Witter

Während sich die Vizepräsidentin des Bundestages noch umzog, sah ich sie schon als kurze Bronzebüste auf einer Fensterbank des Vorzimmers, halb verdeckt von Blumentöpfen. Der Sekretärin war das Gesicht viel zu scharf; es wirkte wie in einem Windkanal. Dann öffnete Frau Renger die Tür: alles Ton in Ton, von den Haaren über die Wangen bis zu den Strümpfen, und Brillanten befunkelten die ovale Koralle am linken Ringfinger. Die Luft über dem Rhein war nebelgrau und rührte sich nicht. Ich bat Annemarie Renger, ohne Hut zu gehen, denn Hüte bildeten auch immer einen Abschluß.

Am Rheinufer redeten wir über Adenauers Alltagssprache, über jahrzehntelange Blicke auf den Rhein und über Hemdkragen und Jeans, und daß sie jeden Tag ein anderes Kleid anziehen muß, auch wegen des Hautgefühls: "Und falls ein Kleid zu teuer war, sage ich mir, sonst bist du ja sparsam." Bei Rita Maternus hatte Annemarie Renger einen Tisch bestellt. Die Renommierwirtin mit dem abgebrochenen Jurastudium erwartete Wangenküsse, und von den Tischen erhoben sich die Blicke. Als wir saßen, sagte Annemarie Renger: "Mit einem Doktortitel hätte man mich nicht so oft verletzt, und einige Gemeinheiten wären mir erspart geblieben."

Ich bestellte den Wein und sagte: "Dann hätten Sie wohl auch eine festere Stimme; Ihre Stimme verliert zu oft den Halt." Wir blätterten in den Speisenkarten, und Annemarie Renger sagte: "Das ist bei Frauen doch oft so, wenn sie aufgeregt sind", und achtete darauf, daß ihre Stimme fest blieb. Über den starken Zustrom von Akademikern in die SPD und wie sie da gehätschelt würden, sprachen wir ausführlicher, und über die Handwerksmeister und Facharbeiter, die kaum noch dabei sind.

"Ich saß an der Quelle"

Gegenüber dem Godesberger Hof kam sie auf Berlin: "Ich mußte aus der Untertertia abgehen, mein Vater hatte kein Geld mehr. Wir waren sieben Kinder. Und sechsmal sind wir umgezogen. In Kreuzberg haben wir auch gewohnt. Mein Vater gab in Berlin die Sportpolitische Rundschau heraus. Er hatte Tischler gelernt und wurde später Redakteur und Stadtrat in Leipzig." Vor einem Zebrastreifen hielt ein Bus mit Schülern, und da hatte Annemarie Renger noch eine passende Erinnerung: