Wo immer ich öffentlich vortrug – und das nun teils mit, teils ohne Musikbegleitung –, war ein allgemein bemerkenswertes Wohlgefallen am Reim zu verzeichnen, ein Wohlgefallen, das ganz offensichtlich mit Belustigung zu tun hatte. Auch auf höchstem Niveau, so scheint es, darf in dieser Spezialdisziplin noch gelacht werden. Eine forsch gewagte und glücklich gemeisterte Reimpaarung wird gelegentlich wie die Lösung eines listig geschürzten Rätselknotens begrüßt und, wenn ich es so sagen darf, wie ein wohl erwartetes, aber bis zum Schlußakkord in Frage stehendes Happy-End genossen. Mit dem Kind in der Bildungsperson, beziehungsweise mit dem Primitivo in der Brust des Kunstsachverständigen dürfen dabei besonders die extravaganten, monströsen oder bisher unbekannten Bindungen/Lösungen rechnen, ein Kunstverhalt, der uns über die Ergebnisse unserer ersten Lektionen hinaus noch zu denken geben soll.

Da es sich um Äußerungen der Zustimmung handelt, wie sie etwa einem Schwerpunktverlagerungskünstler und Gleichgewichtsspezialisten zukommen mögen – einem Rastelli der Reime also –, haben wir über Artistik zu reden. Wer auf diesem Sondergebiet des Klangerzeugungswesens nicht rechtzeitig seine Etüden klimpert – was wohl zwischen dem vierten und dem sechsten Lebensjahr zu erfolgen hat –, wird in dieser unserer Geistersphäre ohnehin nicht mehr mithalten können, was mit Überheblichkeit nichts, mit der erforderlichen Einsicht in die Notwendigkeit aber allerhand zu tun hat. Die Fertigkeiten eines Schachidioten oder einer Schulterpercheäquilibristin kommen ziemlich allgemein schon im Vorschulalter zur Ausbildung, als Zehnjähriger war Fontane bereits ein kleiner Meister des Reimgedichts, mit sechzehn hatte Freiligrath seine Mittel im Gröben beisammen, von den jugendlichen Silberstiften der Lionardo und Dürer und Rubens lieber gar nicht zu reden. Trotzdem scheinen die Schulungsbedingungen in der Sparte Poesie nicht gerade ideal. Wo ein komponierender Jüngling, eine frühbegabte Soubrette oder ein gymnastisches Hochtalent ihre Kräfte in aller Öffentlichkeit erproben und ihre Fähigkeiten auf Konservatorien und in Turnhallen weiterbilden können, bleibt die Entfaltung eines Reimtalentes wohl für alle Zeiten dem Zufall und der Findigkeit des kleinen Selbstausbilders überlassen – Hauptsache, es wird einer überhaupt einmal auf den Reim gestoßen, und wenn, dann nicht gerade durch den Schlager und die Werbepoesie.

Ob meine eigenen Lehrjahre dabei irgendwie oder -wem zum Beispiel dienen können, muß freilich dahingestellt bleiben. Abgesehen von Volksmund und Muttermilch, läßt sich von einer "Vorschule der Ästhetik" eigentlich erst für das zehnte Lebensjahr sprechen, die Zeit, als ich mir meine ersten wirklichen Lehrherren –Victor von Scheffel, Rudolf Baumbach, Anastasius Grün und Theodor Fontane – selber suchte. Das sind nicht gerade heute noch bewegende Gestalten. Dennoch ganz exzellente Techniker, einer wie der andere, und für einen jugendlichen Reimfex nicht einmal unerreichbare Vorbilder – mögen weniger traditionell vorgefaßte Kollegen gern von sich behaupten: Ich bin bei Kurt Schwitters, ich bei Rudolf Blümner, ich bei Gertrude Stein in die Lehre gegangen, beziehungsweise: "Ich als Meisterschüler von Charles Bukowski..." Im Hinblick auf das, was trotz einiger Jahrzehnte experimentellen Bleigießens immer noch Handwerk heißt in der zeitgenössischen Dichtkunst, scheinen mir meine alten Modellbaumeister nicht einmal die schlechtesten Lehrer gewesen, schulbildende Nervenanfechtungen dagegen eine Sache für sich, denn wo die moderne Kunst uns später bis ins Fundament erschütterte, war es doch gut, daß solch ein Fundament bereits vorhanden war.

Einem gesicherten Allgemeinplatz entgegen möchte ich mit dem gebotenen Nachdruck behaupten, daß ein Votum für oder gegen den Reim bereits mit Inhalt (respektive Substanz) zu tun hat und daß wir es hier statt mit einem Darstellungsmittel oder einer Hörhilfe mit dem lebendigsten Wesensstoff zu tun bekommen. Populäre Mißverständnisse rühren ja meist nur aus der dümmlichen Verkennung dessen her, was in medial verfaßten Körperschaften Sache und System ist. Die verbreitete Laienmeinung, daß in der Poesie ein außerhalb ihres Schwingungszirkels aufgekommener Gedanke nachträglich behandelt oder in ein schönes Ansehn gesetzt werde, verklärt das flusigste Allgemeine zum eigentlichen Inhalt und ein x-beliebiges Dingsbums zum großgeschriebenen DING-AN-SICH, das sind sie aber nicht. In den unserer Anteilnahme einzig würdigen Transsubstantiationskünsten wird nämlich überhaupt nichts be-handelt, -dichtet, -reimt und -schrieben, sondern er-dichtet, -reimt und -schaffen, anders ein poetisches Bild eben nur eine subalterne Bebilderung wäre und der Reim nicht viel mehr als ein Stück Oberbekleidung. Wo sich die Welt hingegen richtige gehend in Kunst verkörpern möchte, treten zwei, unterschiedlich zusammengesetzte Medien in Beziehung, wobei die einfache Gretchen- oder Hänschen-Frage nach der Form und dem Inhalt augenblicklich in ein schillerndes Licht gerät: Mögen die Götter wissen, wer hier eigentlich den Stoff vorgibt und wer die Form herliefen. Obwohl – und das gebe ich mir täglich selber zu bedenken – wohl nur noch in Plüsch und Plaste modelliert, wer die soziale Wirklichkeit zu weit aus den Augen verliert, und obwohl die auf nichts als Sprache gespitzte Feder mit Sicherheit immer spinteliger und spinöser wird, hat die von uns mit ganzem Herzen herbeigewünschte Sinnlichkeit der Poesie nur sehr bedingt mit dem zu tun, was man "Naturnachahmung" nennt. Die Welt der Wörter hat ihre eigenen Naturgesetze. Und was uns aus Gedichten manchmal anspringt wie die Wahrheit in Person, verdankt, womit es wirkt, meist nur der unausweichlichen Dringlichkeit des Rhythmus und einer aus der inneren Gewebespannung des Verses – organisch! – motivierten Durchschlagskraft der Reime.

Das heißt, daß die anscheinend immer noch tief bewegende Frage "entstanden" oder "vorgefertigt" in der zur Debatte stehenden Schwingkörper-Manufaktur absolut und relativ zweitrangig ist. Ein Fertigungsprozeß, in dem vorgefundene oder bereitliegende Reimpaare wie prästabilisierte Gleichgewichtsorgane behandelt werden, ist nicht für fünf Pfennig "formalistischer" als die gemeinhin zum Natur verfahren verklärte Methode, einem schweifenden Gedanken/strömenden Gefühl hernach die passenden Reime anzumessen (wie etwa irdische Beinkleider), künstlich ist in der Sprachkunst beinah alles, und eine himmelstürmende Idee, die sich zwecks Stabilisierung nach formalen Halterungen umsieht, genau der Stoff, aus dem man Albumverse macht.

Die entgegengesetzte Position – ich meine eine Ansicht, die ein Erstgeburtsrecht der Reime nicht sogleich in Frage stellt – muß sich dagegen öfter mit dem Vorwurf niederer Kunstgewerblichkeit auseinandersetzen. Der große Goethe in seinem unbeirrbaren Gleichgewichtsstreben hat sich freilich auch für solche scheinbar banalen Formspielereien einen offenen Sinn bewahrt, rühmt den persischen Firdusi einer "gehaltvollen Reimzeile, aus dem Stegreif gesprochen" wegen, nennt den Reim einen Einfallslenker und ldeenstimulator ganz besonderer Art und gewinnt selbst der wenig anspruchsvollen "Blumensprache der Liebenden" noch ein paar freundliche Aspekte ab.

Was gefragt ist – ganz mechanisch zunächst und ohne Ansehn des Sinns – ist also der Echoeffekt auf einen vorgegebenen Begriff, und erst dann sollte tunlichst sowas wie ein belebender Anhauch hinzukommen, als Beispiele dargeboten: "Amaranthe: ich sah, ich brannte" – "Raute: wer schaute?" – "Haar vom Tiger: Ein kühner Krieger" – "Haar der Gazelle: an welcher Stelle?" – "Büschel von Haaren: Du sollst’s erfahren" – "Kreide: Meide!" – "Stroh: Ich brannte lichterloh".