Von Lothar Späth

Die tiefgreifende Lähmung des Wohnungsbaus in der Bundesrepublik hat zu einer Reihe von Krisensymptomen geführt. Die vor allem in Großstädten um sich greifenden Hausbesetzungen stellen dabei nur die spektakulärste Form der Unmutsäußerungen dar.

Gibt es in der Bundesrepublik eine Wohnungsnot? Die Frage, so gestellt, läßt sich mit Ja und mit Nein beantworten. Es gibt mit Sicherheit keine Wohnungsnot wie nach dem Zweiten Weltkrieg, als zum Beispiel 1950 jeder dritte Haushalt über keine eigene Wohnung verfügte. Heute gibt es "den" Wohnungsmarkt schlechthin nicht mehr – dafür aber um so mehr Teilmärkte.

Gebieten mit ausgeglichener Wohnversorgung stehen die Brennpunkte des Bedarfs gegenüber. Doppelverdienende Ehepaare ohne Kinder finden auch in Ballungsräumen zumeist problemlos eine gute Wohnung, die dann freilich ihren Preis hat, während kinderreiche Familien, ausländische Arbeitnehmer und ältere Menschen sich selbst dort schwertun, wo örtlich genügend Wohnungen angeboten werden.

Was auf der Angebotsseite zur rapiden Verknappung – in Großstädten über hunderttausend Einwohnern ist der Wohnungsmarkt noch nicht einmal rein rechnerisch ausgeglichen, das heißt, die Zahl der Haushalte übersteigt dort nach wie vor die Zahl der Wohnungen – geführt hat, ist schon des öfteren beschrieben worden: Das Heruntersubventionieren der Mieten im öffentlich geförderten Mietwohnungsbau bei gleichzeitig stark steigenden Kosten hat zu einer finanziellen Überbeanspruchung von Staat und Kommunen geführt. Private Anleger meiden mangels Renditeaussicht und als Reaktion auf die geltenden mietrechtlichen Bestimmungen den Neubau von Mietwohnungen. Sozialwohnungen sind zu fast vierzig Prozent fehlbelegt, wobei die Wechselquote im sozialen Wohnungsbau nur halb so hoch ist wie im übrigen Wohnungsbestand. Die Eigentumsbildung wird nicht nur durch erheblich gestiegene Grundstücks- und Baukosten und durch das aktuelle hohe Zinsniveau erschwert, sondern vor allem auch durch steuerliche Regelungen, welche den heutigen Belastungen im Zusammenhang mit Haus- oder Wohnungseigentumserwerb unangemessen sind.

Aufschlußreich ist aber auch ein Blick auf die Nachfrageseite. Hier gibt es vor allem drei Gründe, die zu teilweise gravierenden Ungleichgewichten in der Wohnungsversorgung führen. Zum einen drängen zahlreiche Haushalte auf den Wohnungsmarkt, die nicht in der "richtigen" Wohnung untergebracht sind. Nach dem "Dritten Familienbericht" der Bundesregierung von 1979 ist jeder zweite Mieterhaushalt mit drei Kindern unterversorgt. Allein in Stuttgart sind 21 000 Wohnungen mit fünf und sechs Räumen durch Kleinhaushalte (ein oder zwei Personen) belegt, während umgekehrt 19 000 Vier-Personenhaushalte in zu kleinen Wohnungen leben.

Hier zeigt sich, als zweites, eine Entwicklung, die den Charakter einer generellen Tendenz hat: Die ständige Abnahme der Personenzahl je Wohnung. Die Belegungsdichte ist zwischen 1968 und 1978 von 3,3 auf 2,7 Personen pro Wohnung abgesunken. Das heißt: Für tausend Personen sind heute 63 Wohnungen mehr notwendig als noch vor zehn Jahren. Wiederum auf das Beispiel Stuttgart bezogen, bedeutet dies, daß in der baden-württembergischen Metropole jährlich 8000 Wohnungen zu 75 Quadratmetern gebaut werden müßten, um nur die sinkende Belegungsdichte auszugleichen. Tatsächlich wird aber allenfalls ein Viertel davon wirklich erstellt.