Von Hermann Rudolph

Was wiegt das Nationale noch, hüben wie drüben? Genauer: was kann es noch für ein Gewicht haben in den Vorstellungen und Empfindungen der Menschen in den beiden Staaten, aber auch in ihren alltäglichen Erfahrungen? Die Frage ist gewiß nicht die einzige, die eine Debatte über die Nation zu erwägen hat. Vielleicht ist sie nicht einmal die wichtigste, und sie verträgt es auch, wenn sie ohne abschließende Antwort bleibt. Aber eine Diskussion, die so wie diese notgedrungen ein paar Fuß über dem Boden der Tatsächlichkeit stattfinden muß, kann ihr nicht ausweichen.

Denn was bewegt bei den immer wieder aufbrechenden Auseinandersetzungen über die Rolle der Nation, des Nationalstaats oder die Staatsangehörigkeitsfrage tatsächlich Geister und Gemüter? Die Hochseilakte in der dünnen Luft rechtlicher und historischer Begrifflichkeit, um die der Streit dabei mit ermüdender Regelmäßigkeit geht, sind es gewiß nicht. Was in diesen Debatten als treibende Unruhe und schwärendes Unbehagen pocht, ist die Unsicherheit, ob die Begriffe, mit denen wir hantieren, in denen wir uns eingerichtet haben, noch irgendeiner Wirklichkeit entsprechen. Sie ist jedenfalls dieser Diskussionen bester Teil: ohne sie erlägen sie nur zu leicht der Gefahr, sich in Behauptungen und Thesen einzuspinnen, die nur noch von Sentiments und Ressentiments, Absichten und Affekten gedeckt sind.

Dabei steht außer Zweifel: das Nationale im Deutschland des Jahres 1981 ist nichts mehr, was sich von selbst versteht. Das ist eine Binsenweisheit, längst zu der Klagemauer der politischen Bildung emporgewachsen, durch hundertundeine demoskopische Umfrage befestigt und durch die von Lehrern und Erwachsenen-Pädagogen zusammengetragenen Belege monströser Ahnungslosigkeit in bezug auf die deutsch-deutschen Angelegenheiten bedrückend illustriert. Aber dieser Befund kann doch nur Anlaß sein, sich darüber Rechenschaft zu geben, als was sich denn dann das Nationale verstehen läßt – aber auch darüber, was es nicht mehr bedeuten kann.

Wie immer man die beiden Deutschlands qualifiziert, was immer man an ihnen anerkennt: es ist nicht daran vorbeizukommen, daß sie zu den Bezugsräumen für die Erfahrungen geworden sind, die die Deutschen heute in ihrem Alltag machen. Der jeweils andere Teil mag Bezugsziel sein, wie es die DDR für viele Bewohner der Bundesrepublik ist, Erinnerung oder Gegenstand des Interesses: unmittelbar erfahrbare, normale Wirklichkeit ist er nicht mehr. Das gilt im übrigen gerade für die DDR, obwohl dort die Bundesrepublik via Fernsehen allabendlicher Gast in den meisten Wohnzimmern und auch sonst sehr viel präsenter ist als die DDR für uns.

Man muß sich das ganz konkret vergegenwärtigen, um nicht der Verführung anheimzufallen, das Nationale so zu behandeln, als seien die fünfziger Jahre eben um die Ecke. Damals war so ziemlich jedem Deutschen noch die Erfahrung gegenwärtig, wie es sich in einem Deutschland lebt, das von den Alpen bis nach Rügen reicht, und in dem Berlin nicht eine etwas abgelegene Großstadt unter anderen war, sondern das deutsche Regierungszentrum, in dem ein Schwabe beispielsweise beruflich auch einmal nach Bitterfeld und ein Rostocker nach Köln verschlagen werden konnte, unter den Studienorten eines Pfälzer Lehrers Leipzig, unter denen seines Lausitzer Kollegen Göttingen erscheinen und der deutsche Fußballmeister auch Dresdner SC heißen konnte.

Heute besitzt nur noch ein verschwindend geringer Teil der Deutschen solche Erfahrungen, und auch bei ihm sind die zugedeckt von gut einem Vierteljahrhundert anderen Erlebens. Fast alle Deutschen leben heute mit der Erfahrung eines Deutschlands, das entweder nur bis zur Zonengrenze-Ost oder aber zur Zonengrenze-West reicht; in dem entweder die Insel Rügen oder die Alpen fern oder kaum erreichbar sind und jedenfalls England oder die Karpathen näher, der Pfälzer Lehrer in Westberlin, aber kaum noch in Jena studiert haben kann, während seinem Lausitzer Kollegen Tübingen so fern bleiben muß, als läge es in Australien – und der Meister des samstäglichen Nachmittagsvergnügens kann entweder nie Dresden oder Magdeburg oder aber niemals München oder Hamburg heißen.