Als sei es völlig normal: Bürgermeister Vogels Stadtbummel Unter den Linden

Von Marlies Menge

Berlin, Ende Februar/Anfang März

An der Ecke Greifswalder-/Dimitroff-Straße hing unübersehbar die Losung "25 Jahre NVA – 25 Jahre sicherer Schutz unserer sozialistischen Heimat". Es war der Vorabend des 25. Geburtstages der Nationalen Volksarmee der DDR. Ich parkte das Auto an der Rückfront des "Palast-Hotels", jenes Nobelgebäudes, das die Schweden den Ostberlinern für ihre devisenbringenden Gäste gebaut haben.

Ich war auf dem Wege zum Großen Zapfenstreich. Näher an den Ort des großen Ereignisses durften nur schwarze Volvos mit besonderen Parkscheinen. "Das sind die Generäle", mutmaßte ein kleiner Junge, und zu dem weißen Volvo-Krankenwagen fiel ihm ein: "Falls einem General schlecht wird." Ich lief, wohin alle Leute um mich herum liefen, zum "Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus", der Neuen Wache, Schinkels erstem Bauwerk. Erstaunlich viele Menschen hatten sich auf den Weg gemacht, trotz des unangenehm kalten Windes. Vorherrschende Kleidung war daher Pelz, besonders als Mütze auf dem Kopf, Es war halb sieben Uhr abends.

Zunächst lag der Aufmarschplatz Unter den Linden leer, nur hell erleuchtet. "Das nächste Mal komme ich eine halbe Stunde später als bestellt, dann bin ich immer noch eine dreiviertel Stunde zu früh", sagte ein Mann neben mir. Ein Stückchen weiter fragte jemand seinen Nebenmann: "Wie viele Genossen mußte deine Sektion denn liefern"? und eine Frau weiter westlich im Gedränge verkündete: "Von unserer GO (Grundorganisation der SED) sind sieben hier." Woraus zu erkennen war, daß viele der Partei gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, hier Spalier standen. Immerhin waren auf diese Weise mehrere Tausende zusammengekommen, so daß die in der letzten Reihe Stehenden vor allem auf Informationen der Kinder auf den Schultern ihrer Väter angewiesen waren.

Das Zeremoniell begann um sieben Uhr. "Die tragen Feuerzeuge", sagte ein kleines Mädchen und meinte Fackeln, als die Soldaten über den Platz marschierten: das Ehrenbataillon des Wachregiments "Friedrich Engels", das Zentrale Orchester der Nationalen Volksarmee, der Spielmannszug und das Stabsmusikkorps der Stadtkommandantur. Befehle drangen herüber: "Die Augen links" oder "Präsentiert daaas (sehr langgezogen und hoch) Gewehr (kurz, fast verschluckt)." Es klirrte, wenn die Gewehre wieder auf den Boden geknallt wurden. Der Offizier machte Meldung, der Kommandeur begrüßte die Soldaten, es erklang Zapfenstreich-Musik.