Nürnberg

Abends um zehn, nach einem Film über die niederländischen Kraker, befiel ein paar Spontis die Lust zum "Abendspaziergang", wie nächtliche Demonstrationen in alternativen Zirkeln heute gern gutbürgerlich umschrieben werden; etwa 140 schlossen sich an, kurz darauf gingen sechs Scheiben in Banken und Kaufhäusern zu Bruch.

Das war der Auftakt zur größten Verhaftungswelle, die die jüngste Geschichte der Jugendunruhen in der Bundesrepublik erlebt hat. Anfang der Woche saßen 141 junge Leute in bayerischen Gefängnissen: Sie werden des schweren Landfriedensbruchs verdächtigt. Eine beispiellose Polizei- und Justizaktion machte mit einem Schlage die Stadt Nürnberg zum Zentrum der Demonstrationskriminalität im Lande – ausgerechnet die Stadt, in der eine umsichtige Jugendpolitik bislang die andernorts grassierenden Eskalationen der Gewalt hatte verhindern können.

Für den Nürnberger Kulturreferenten Hermann Glaser war es eine gezielte Aktion, um ein staatsmächtiges Exempel gegen die liberale Jugendpolitik der Stadt zu statuieren; für viele Eltern und Juristen war es schlicht eine Bankrotterklärung des Rechtsstaates. Denn in den bayerischen Gefängnissen saßen nicht nur die Täter des nächtlichen Umzuges, sondern auch Jugendliche, die zur Tatzeit überhaupt nicht auf der Straße waren. Diese stellen unter den 141 Gefangenen etwa die Hälfte.

Drei Tage nach den Massenverhaftungen begannen in Nürnberg Details polizeilicher Willkür bekannt zu werden. Als die randalierenden Spontis durch die Straßen zogen, begleiteten mehrere Polizeistreifen den Zug und beobachteten die Sachbeschädigungen, die sich am Ende auf etwa 30 000 Mark summierten; zu diesem Zeitpunkt schritt die Polizei noch nicht ein. Sie beobachtete weiter, wie sich der größte Teil der Randalierer wieder in das städtische Kommunikationszentrum, das KOMM, zurückzog. Erst, nachdem die Polizei Verstärkung herbeigeordert hatte, griff sie ein: Scharfe Hunde bewachten die Türen, nieman kam heraus; weder junge Mütter, die zu ihren Säuglingen wollten, noch 15jährige Mädchen, die nach Hause mußten; weder die, die am "Abendspaziergang" teilgenommen hatten, noch die etwa siebzig, die während dieser ganzen Zeit im Hause waren und Schach spielten, Tee tranken oder diskutierten. Nach zähen Verhandlungen, in denen die Belagerten im Haus von der Außenwelt abgeschnitten und selbst Telephonleitungen plötzlich unterbrochen waren, nach fünf Stunden, in denen die Nacht verstrichen war und im Haus eine Panik drohte, durften die ersten herauskommen – in kleinen Gruppen zum Abtransport in die Gefängnisse. Obwohl Mitarbeiter des KOMM der Polizei und dann auch der Staatsanwaltschaft versicherten, daß zum Zeitpunkt der Ausschreitungen etwa 70 bis 100 Besucher im Haus weilten, an den Straftaten also gar nicht beteiligt gewesen sein konnten, nahm die Polizei von 164 Leuten, die herauskamen, 141 fest.

Festgenommen wurden Jugendliche, die Zeugen dafür benannten, daß sie im Hause waren. Zeugen wurden abgewiesen, wie der KOMM-Sekretär Hess, der beim Haftrichter vorsprechen wollte, um jene zu identifizieren, die er zum Zeitpunkt der Ausschreitungen im Hause, also fern vom Tatort gesehen hatte. Für derartige Nebensächlichkeiten, so wurde Hess beschieden, sei jetzt keine Zeit.

Ein Rechtsanwalt war Zeuge, wie ein festgenommenes Mädchen auf die Bitte, einen Anwalt benachrichtigen zu dürfen, mit der Auskunft bedient wurde: "Sicher können Sie das – aber telephonieren ist nicht"; eine Mutter, die ihren 17jährigen Sohn suchte, wurde am Freitagnachmittag abgewimmelt, sie solle am Montag wiederkommen, da sei Bürozeit; als sie den Namen des Untersuchungsrichters wissen wollte, wurde sie vor die Tür gesetzt. Gewaltsame Entfernung aus dem Hause wurde Rechtsanwälten angedroht, die Kontakt mit Mandanten aufnehmen wollten, aber noch keine Mandantenunterschriften vorweisen konnten; abgewiesen wurde ein Vater, der seinem herzkranken, gerade aus dem Krankenhaus entlassenen Sohn ein lebenswichtiges Medikament überbringen wollte.