Von Helmut Schödel

Es ist schon lange her, da war die Liebe eine "Krankheit zum Tode". Der junge Werther litt und starb an ihr (und nach seinem Tod fürchtete man auch um Lottes Leben). Früher war die Liebe Leidenschaft. Das war, als Romeo und Julia sich trafen, liebten, töteten. Damals konnte die Liebe auch Unschuld sein. Das zeigt der Fall des Käthchens von Heilbronn, die blind ergeben dem Grafen Wetter vom Strahl folgte. Als Werner Schroeter vor mehr als zwei Jahren Kleists "Käthchen von Heilbronn" in Bochum inszenierte, ließ er immer wieder ein Lied vortragen und von einem Ziehharmonikaspieler begleiten: "Sing mir noch einmal, was mit Wonne mich berauscht, lang, lang ist’s her."

Stan spielt auf einer Theaterbühne ein Stück von Urs Widmer: "Stan und Ollie in Deutschland." Auf einem der billigeren Plätze im Parkett sitzt Laura. Sie ruft ihm zu: "Ich liebe Sie." Stan haucht verzaubert ihren Namen: "Laura". In der ersten Minute ihrer Liebe kommt sich Stan wie Clark Gable vor und Laura wie Vivien Leigh. Doch gleich darauf ist ihre Romanze wie vom Winde verweht. Stan weiß nicht weiter. Er hat es schwer mit der Liebe in Deutschland.

Ich wollte, wir hätten, wir wären

Deshalb fragt er seinen Freund Ollie um Rat. Wenn Ollie an Liebe denkt, denkt er an Mittelalter: "Jede Frau", sagt er, "hat einen Balkon." Sein Rat: Stan soll sich eine Gitarre nehmen, sich unter Lauras Balkon stellen und ein Ständchen singen, das seine "Leidenschaft in ihrer alles zertrümmernden Wucht" zeigt. Des Minnesangs letztes Ständchen: "Ich möcht in Wicken, Nelken, Rosen / mit dir, geliebte Laura, kosen... / / Ich möcht in Rosen, Wicken, Nelken, / mit dir, geliebte Laura, welken ... / / Ich möcht in Nelken, Rosen Wicken, / der Liebe Triebe schnell ersticken Fast wäre Stan am Ende eine Obszönität unterlaufen. Aber dann endet sein Gesang doch noch mit einem Bekenntnis: Seine Liebesangst hat sein Liebesglück schon besiegt. In Schüttelreimen, also fröhlich, besingt er seine Kapitulation.

Die Schauspielerin Eva sitzt neben dem Feuerwehrmann Eugen. Eugen ist autistisch, hat seit 1968 kein Wort mehr gesprochen. Eva hat ihn wieder zum Reden gebracht. Sie sitzen nebeneinander und streicheln sich. Danach versinkt Eugen im Sand. Wenn er versunken ist, schaut Eva in Widmers neuestem Stück "Züst oder die Aufschneider" zu Boden und sagt:"Das ist der kürzeste Weg nach Afrika. Für Evr sit Eugen aúf Reisen gegangen. Der Tag des Abschieds wird für Eva trotz allem ein glücklicher Tag gewesen sein.

Urs Widmers Liebesgeschichten beginnen wie Wunder, wie zu Werthers, Romeos und Käthchens Zeiten. Das gilt für "Stan und Ollie" und für "Züst" genauso wie für "Nepal". Dort sehnt sich der einsame Hans nach einer Frau. Er schreibt einen Brief und wirft ihn (wie ein Burgfräulein ihren Handschuh) aus dem Fenster: "Ach, ich habe ein Herz, das sich so sehr nach Liebe und Leidenschaft und Wärme und Schönheit und Mut und Heftigkeit und Kraft und Zärtlichkeit sehnt, dein Hans." Das Wunder der Liebe kann beginnen! Würde es beginnen, wäre es ein Zufall.