nicht etwa aus Ohnmacht darüber, daß die ärztliche Kunst, was meine Leiden anbelangt, wohl an ihre Grenzen gestoßen ist, schreibe ich an Sie, nein, nach reiflicher Überlegung ist mir bewußt geworden, daß sich die Nacht zum 14. Januar d. J., wie sie sich in der Abteilung G, Zimmer 11, des Allgemeinen Krankenhauses zugetragen hat, in unserem Gesundheitswesen niemals wiederholen darf. (Aus Angst, die noch zu bezeichnenden Umstände erneut vor meinem geistigen Auge zu sehen, meide ich öfters das Bett und verbringe die Nacht im Sessel.)

Es war Mittwoch, der Besuchstag, und es wurde früh dunkel, als wir, das waren Frau Eichholtz, Frau Stuhlmann, Frau Warnecke-Richter und meine Wenigkeit, in unsere Kissen zurücksanken. Frau Eichholtz lag in Scheidung, und der Mann, der auf ihrem Bettrand gesessen hatte, war ihr Zukünftiger; manchmal trafen sich unsere Blicke. Herr Stuhlmann hatte mir die neueste Nummer einer angesehenen Frauenzeitschrift zugesteckt. In diesen Zeitschriften stehen oft Dinge, die selbst eine Frau und Mutter wie mich noch in Verlegenheit bringen können.

Neben mir lag; Frau Warnecke-Richter. Das Leben hat uns schon manche Prüfungen auferlegt. Frau Warnecke-Richter war kurz vor der Besuchszeit mit ihrem Bett aus dem Zimmer gerollt worden. Unser Oberarzt kam nachher wieder persönlich mit ihr zurück und schien zuversichtlicher zu sein als vorher. Was der Doktor auch sagt und tut, stets bleibt er Herr. Und wenn er an meinem Bett stand, zupfte er oftmals die Decke ein wenig gerade. Das sind Dinge, die man so leicht nicht vergißt. Daran sollten sich die Schwestern einmal ein Beispiel nehmen. (Der Herr Oberarzt hat drei Kinder, seine Frau ist Archäologin.)

Frau Eichholtz raschelte nach dem Abendbrot noch lange mit Papier und flüsterte mit Frau Stuhlmann, die in ihrem Bett auch nie Ruhe gibt. Ich las noch und dachte, was macht denn Frau Warnecke-Richter. Aber sie stand ja noch unter dem Eindruck eines Beruhigungsmittels. Wieder und wieder gingen meine Blicke zu ihr, und plötzlich dachte ich: Du siehst wohl nicht richtig: Ihr Bett stand schief. Es hatte auch den meisten Spielraum in Zimmer 11, Ich flüsterte ihren Namen. Da schlug Frau Warnecke-Richter die Augen auf und sah mich wie immer freundlich an.

In diesem Augenblick schien sich das Bett zu bewegen. Mein erster Gedanke war: Halte es fest, an welcher Stelle auch immer. Aber dabei warf ich aus Versehen meine Nachttischlampe um. Wenn Frau Warnecke-Richter mich nur nicht so freundlich angeblickt hätte, doch sie überblickte die Lage ja nicht. Da streckte ich meine Arme aus und ergriff ihre Hände; zog sie mich zu sich oder rollte das Fett bereits schneller? Ich spürte nur, daß ich in die Tiefe sank, ohne allerdings Frau Warnecke-Richter loszulassen.

Die Nachttischlampe brannte auf dem Fußboden weiter und beleuchtete uns beide. Frau Warnecke-Richter lag halb unter mir, und neben der Nachttischlampe kniete Frau Stuhlmann; Frau Eichholtz stand. Sie drückte immer wieder auf die Klingel. Schwester Ingrid, die Nachtschwester, rief noch ihren Bekannten herein, und beide hoben Frau Warnecke-Richter wieder ins Bett und rollten es an die alte Stelle zurück und verriegelten die Räder. Ich konnte mich von selbst aufrichten.

Frau Warnecke-Richter erlitt Arm- und C-esäßprellungen. Als der Oberarzt am nächsten Morgen Visite machte, sprach er kein Wort, doch seine Blicke sagten alles. Und als ich dann sagte, ich wollte einmal Krankenschwester werden, setzte er sich auf meinen Bettrand und entgegnete: "Wären Sie es doch geworden, Frau Wulkow..." Ich spürte, wie ernst es ihm damit war. (Frau Warnecke-Richter weilt leider nicht mehr unter uns.)

Hochachtungsvoll