Von Heinz-Günter Kemmer

Der Ölmann aus Venezuela pries die Schätze seines Landes in höchsten Tönen. Im Tal des Orinoko liege eine der "großen Reserven der Menschheit", nicht weniger als 150 Milliarden Tonnen Öl. Um den Wert dieser Zahl zu ermessen, muß man sie mit den bisher bekannten Welterdölreserven vergleichen: das sind knapp 90 Milliarden Tonnen. Allerdings schränkt Wolf Petzall, Vorstandsmitglied der staatlichen Ölgesellschaft Petroleos de Venezuela (Petroven), die Bedeutung der Vorkommen gleich wieder ein: Nach heutigem Stand der Technik seien davon nur zwischen fünf und zwanzig Prozent zu gewinnen.

Geht man von zehn Prozent aus, dann bleiben immer noch 15 Milliarden Tonnen, das sind zwei Drittel der Vorräte des ölreichsten Landes der Welt – Saudi-Arabien – oder gut fünf Jahresförderungen der ganzen Welt ohne den Ostblock. Und setzt man den Grad der Ausbeute etwas höher an, dann wird das Orionoko-Tal zum neuen Saudi-Arabien. Nur, Venezuela liegt nicht in einer neuralgischen Zone der Welt, sondern verspricht Sicherheit bei der Versorgung.

Das neue Öl aus Venezuela hat allerdings einen gravierenden Nachteil, es ist sogenanntes Schweröl, das bei normaler Lufttemperatur erstarrt, nur mit Kunstgriffen aus dem Boden zu holen ist und nicht mit normaler Raffinerietechnik verarbeitet werden kann. Das Öl muß in komplizierten und kostspieligen Verfahren aufbereitet werden.

Dennoch nimmt die Petroven die Orinoko-Vorkommen in Angriff, nicht zuletzt deshalb, weil sich die alten Ölfelder des Landes allmählich erschöpfen. Um die Jahrtausendwende, so meint Petzall, werde man im Orinokogürtel jährlich 50 Millionen Tonnen Öl fördern. Der Anfang wird noch in diesem Jahrzehnt gemacht. Von 1985 an sollen jährlich fünf Millionen Tonnen gefördert werden. Petzall glaubt, daß die Förderkosten je Tonne nicht höher als 70 bis 85 Dollar sein werden, maximal also nur ein Drittel des gegenwärtigen Weltmarktpreises für Rohöl erreichen. Venezuela wird an seinem Ölsegen wegen der höheren Gestehungskosten zwar nicht so viel verdienen wie an den alten Vorkommen, das Ölzeitalter aber bei unverminderter Produktion von 125 Millionen Tonnen um 120 Jahre verlängern können. Ohne die Schweröle des Orinoko wäre der Ölrausch in Venezuela in zwanzig Jahren vorbei.

Deutsche Firmen sollen nun dabei helfen, die neuen Schätze zu nutzen. So arbeiten im Rahmen eines Kooperationsabkommens zwischen dem venezolanischen Erdölministerium und dem Bundesministerium für Forschung und Technologie die Firmen Lurgi, KWU und Veba Oel an einer Studie zur Erschließung und Verarbeitung des Orinoko-Öls, die Mitte dieses Jahres fertig sein soll. "Aufgerissen" hat dieses Projekt die KWU, die den Venezolanern ursprünglich ein Kernkraftwerk zur Erzeugung von Heißdampf verkaufen wollte. Dampf wird am Orinoko in großen Mengen in den Boden injiziert, um das zähe Öl flüssiger und damit pumpbar zu machen.

Den größten Nutzen aus dem Kooperationsvertrag zieht möglicherweise allerdings nicht die KWU, sondern die Veba Oel, die nach dem Eingeständnis ihres Vorstandsvorsitzenden Fritz Oschmann erst in letzter Minute auf den Zug gesprungen ist. Venezuela verhandelt derzeit nämlich, so erklärte Petzall, mit der Veba Oel über drei Dinge: