Von Goerd Peschken

Wenn die Allgemeinheit eine Vorstellung von Karl Friedrich Schinkel hat, dann die vom Klassizisten, der präzise, diszipliniert mit gequaderten weißen Putzwänden, mit edlen griechischen Fensterrahmen, mit Säulen und Giebeln geschaltet hat. Neue Wache, Schauspielhaus und Altes Museum in Berlin, das Humboldtschlößchen in Tegel, die alte Regierung in Düsseldorf, der Elisenbrunnen in Aachen ... Vielleicht werden die Jubiläumsausstellungen – eine in Ost-Berlin, die jetzt zu Ende geht, zwei in West-Berlin, die zum Geburtstag eröffnet werden sollen, eine in Düsseldorf über die "preußischen Bauten am Rhein" – dies Bild doch etwas ändern. Wenn man sich eine Vorstellung von Schinkel bilden will, ist nicht der Mangel an Information das Problem, sondern der Überfluß daran.

Ihm ist gleich nach seinem Tode 1841 ein eigenes Museum gewidmet worden, wo Tausende von Zeichnungen aufbewahrt werden, und die kunstgeschichtliche Forschung dokumentiert in einem Monumentalwerk, dem "Schinkel-Lebenswerk", dessen größter Teil vorliegt, jeden Strich, den er gezeichnet, jedes Wort, das er geschrieben hat, und auch einige Umstände, mit denen er bei seinen Bauten zu tun hatte. Unter den vielen, die über sein Leben und Werk geschrieben haben, hat 1924 August Grisebach das wohl genaueste Augenmaß gezeigt und die allgemeine Vorstellung, die damals schon ungefähr dieselbe war wie heute, vorsichtig aber deutlich berichtigt, wenn auch ziemlich vergebens; denn selbst Fachleute mit ihren unzähligen Fakten im Kopf oder in ihren Karteien halten fest an Stereotypen wie Klassizist, vorbildlicher Fleiß, uneigennützige Pflichterfüllung. Und sie neigen dazu, wie bei Heldenverehrungen üblich, ihn immer noch mehr zu vergrößern – was weder für sein Andenken noch für uns gut ist.

Ställe, Scheunen, Kirchen

Als die Superintendentenwitwe Dorothea Schinkel 1794 nach Berlin zog, kam Karl Friedrich nicht nur in das Mekka der deutschen Architektur. Nach dem Ende der zuletzt ziemlich lastenden Regierung Friedrichs des Großen hatte der Nachfolger Friedrich Wilhelm II., der "Dicke König", den Geschmack freigegeben und die modernsten Architekten Norddeutschlands an seinen Hof berufen, Langhans, Erdmansdorff und Schinkels späteren Lehrer David Gilly. Auf die preußische Hauptstadt konzentrierten sich die Hoffnungen der deutschen Bürgerlichen; der König hatte ein Deutsches Nationaltheater gegründet. 1797 kam Friedrich Wilhelm III. auf den Thron, den man mit der Königin Luise wie einen gewöhnlichen Bürger Unter den Linden Spazierengehen sehen konnte. Novalis schrieb darauf sein "Glaube und Liebe oder Der König und die Königin".

Schinkel wuchs in einer ganz bürgerlich gewordenen und überaus hoffnungsvollen idealistischen Atmosphäre heran. Als er in der Akademieausstellung den Entwurf des jüngeren Gilly zu einem Ehrentempel Friedrichs des Großen sah, verließ er spontan die Schule, und es gelang ihm, als Lehrling in das gemeinsame Atelier der Gillys aufgenommen zu werden. Dies war sein erster erstaunlicher Entschluß – eigene Berufswahl war damals etwas fast Unerhörtes. Er wurde bald auch Eleve in der vom alten Gilly organisierten und dem Staat abgerungenen Bauakademie, wo neben Friedrich Gilly, dem Sohn Davids, unter anderen Heinrich Gentz sein Lehrer war.

Im Kunsthandel tauchten ab und zu Kopien nach seinen Studienentwürfen auf: Schon als Student war Schinkel ein Star. Als sein junger Lehrer Friedrich Gilly, damals die größte Hoffnung der deutschen Architektur, 1800 starb, fiel das Los auf ihn, dessen Arbeit weiterzuführen. So baute er also auf märkischen Gütern Ställe und Scheunen, modernisierte Gutshäuser und Kirchen, entwarf Möbel und Geschirr nach dem neuesten Geschmack. Dieser Geschmack war historistisch, so wie ihn schon die ältere Generation gepflegt hatte: Langhans, Erdmannsdorff, der alte Gilly hatten neben klassischen auch gotische Bauten ausgeführt – eine Tatsache, die die deutsche Kunstwissenschaft lange nicht sehen mochte. Friedrich Gilly wiederum hatte eine großartige Darstellung der gotischen Marienburg, der Burg der deutschen Ordensritter, veröffentlicht.