Der Abschaffung des von Kurt Singer mit vollem Recht als "kinderfeindlich und lastungszerstörend" gekennzeichneten Zensurierungssystems und seiner Ersetzung durch pädagogisch vertretbare Methoden der Lernleistungskontrolle gebührt im Problemkatalog der Schulreformer die höchste Dringlichkeitsstufe. Denn der Prüfungs- und Notenterror an unseren Regelschulen lähmt nicht nur den Lernwillen, sondern gefährdet, schädigt und zerstört auch die psychische Gesundheit der Schüler, wie führende Kinderärzte und -psychiater und die umfangreichen Untersuchungen Peter Strittmatters (1976/77 durchgeführt im Auftrag des saarländischen Kultusministeriums) über die Verbreitung und Auswirkung der Schulangst und des Schulstreß’ in einem Ausmaß bestätigt haben, die selbst die schlimmsten Befürchtungen weit übertrafen; sie signalisierten keine Krise, sondern eine Katastrophe: über 70 Prozent aller Schüler laden unter ständigen Ängsten.

Das schlimmste an diesem Zustand ist, daß wie K.-H.Ingenkapig,,jn "Die Fragwürdigkeit der Zensurengebung" auf Grund der Untersuchungsergebnisse von 27 Erziehungswissenschaftern und Lernpsychologen aus aller Welt resümiert, "die Zensuren keine Vergleichsfunktionen bei schulexternen Adressaten erfüllen können und daß damit unser gesamtes schulisches Berechtigungswesen auf einer Fiktion beruht". Hartmut Zeiher vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin zieht aus eigenen Forschungen das Fazit: "Zensuren sind ein völlig untaugliches Instrument zur objektiven, gerechten und zuverlässigen Bewertung von Schülerleistungen."

Alle empirischen Befunde stimmen darin überein, daß eine Schulnote bestenfalls den von einem bestimmten Lehrer einer bestimmten Klasse einer bestimmten Schule ermittelten Ranglistenplatz (als Schätzwert) bedeutet, der sich in der Beurteilung gleicher Arbeiten durch andere Lehrer oft um zwei bis drei Stufen nach unten oder oben verschiebt. Die Lehrerurteile sind also subjektiv und örtlich bedingt. Schulzeugnisse gelten aber unbedingt! Sie sind also objektiv Falschzeugnisse.

Gelegentlich geben Schulpolitiker, soweit ihnen die erwähnten Befunde bekannt sind, diesen Tatbestand teilweise zu (heruntergespielt wird er immer), rechtfertigen aber das Festhalten am herkömmlichen Zensurierungssystem mit der Behauptung, es gäbe noch keine brauchbare Alternative zur Ziffernbenotung. Das stimmt nicht: die Montessori-Pädagogik, der "Daltonplan" von Ellen Parkhurst und andere Reformschulsysteme haben schon um die Jahrhundertwende Formen der Lernleistungsselbst- und -fremdkontrolle entwickelt ("Pensen"), die klar definierte Lernstufenziele als erreicht bestätigt, wenn der Schüler dies nachweist und braucht. Was ein Schüler noch nicht oder nur mangelhaft kann, geht nur ihn und seinen Lehrer an, nicht aber die Öffentlichkeit. Eine schlechte Note ist aber eine öffentliche Brandmarkung ("nota" bedeutet laut Lateinlexikon a) "Schriftzeichen" und b) "Brandmal", womit man Kriegsgefangene und Sklaven kennzeichnete).

Einige bildungspolitische Gremien haben immerhin die Unhaltbarkeit unseres Zeugnisunwesens schon bemerkt, so etwa die "Arbeitsgemeinschaft für Sozialdemokraten im Bildungsbereich" (AfB) des Bundesvorstandes der SPD. Ich zitiere aus der Beschlußdokumentation der AfB-Bundeskonferenz vom 23.–25. März 1979 in Osnabrück. Gefordert wird: "die Umgestaltung von Prüfungen und Notengebung in Form von Dokumentationen des bisher Gelernten und Geleisteten; die Abschaffung des Sitzenbleibens (als einer jeden Förderungsabsicht widersprechenden Form der Auslese) zugunsten von gezielten Förderungsmaßnahmen".

Sehr gut! Warum aber greift kein SPD-Kultusminister oder sein österreichischer Amtskollege diese Forderungen auf? Gäbe es in der österreichischen Verfassung einen Artikel wie in der bundesdeutschen, der die Unantastbarkeit der Menschenwürde zur obersten Pflicht aller staatlichen Gewalt erklärt, so hätte ich längst eine Verfassungsklage gegen den gesetzlichen Benotungszwang eingebracht, um wenigstens das erdrückende Beweismaterial über das durch die staatliche Gewalt über die Lehrer legalisierte Gewohnheitsverbrechen einer menschenunwürdigen Demütigung, Falschbewertung und Bedrohung unserer Schulkinder durch eine untaugliche und schädliche Prüfungs- und Zensurierungspraxis vor Gericht zu bringen.

Während ich dies schreibe, geht durch die österreichische Presse die Nachricht vom Tod des 17jährigen Wiener Gymnasiasten Erich Hirsch. Er wollte Professor für Geschichte und Geographie werden. Er erhängte sich vor einem Prüfungstermin in Mathematik. "Er war ein lebenslustiger Bursch" bezeugten seine Klässenkollegen.