Wir sehen seit Jahren mit Sorge, daß der Gottesdienstbesuch nachläßt. Gewiß läßt sich daran allein nicht die Religiosität, auch nicht die Kirchlichkeit messen. Aber bedenken wir: Sind die Gemeinden von heute fähig, unseren Glauben an die nächste Generation weiterzugeben? Schon heute hören wir aus unseren Kindergärten und von Religionslehrern immer häufiger von Kindern, in deren Elternhaus ein religiöses Klima fehlt, die zu Hause so gut wie nichts über Gott und Jesus Christus erfahren, die kein Gebet, kein Kreuzzeichen kennen und nicht einmal wissen, was Beten ist. Und ich höre von anderen, welche dies zwar wissen, aber kaum mehr etwas Frohmachendes damit verbinden.

Wir müssen uns daher sehr ernst fragen: Wie kann der Glaube in unseren Gemeinden unter den heutigen Verhältnissen lebendig bleiben und überliefert werden? Diese Frage brächte ich an alle Gemeindemitglieder, an Sie hier im Gottesdienst, aber auch an die sogenannten Fernstehenden herantragen. Denn diese Frage geht uns alle zusammen an.

* Christen, die sozial engagiert sind, aber selten am Gottesdienst teilnehmen: Wie sehen sie sich selbst?

Viele, die den Gottesdienst nur noch selten besuchen, verstehen sich als Christen. Für sie erschöpft sich Christsein nicht im Gottesdienstbesuch – wie sie es mitunter anderen Christen unterstellen –, für sie ist das eigentlich Charakteristische des Christentums die tätige Nächstenliebe.

Es gibt Christen, die bittere Klage führen über die Lieblosigkeit, das Nichtbeteiligtsein, die Uninteressiertheit von Gemeindemitgliedern an den Leiden unserer Zeitgenossen. Sie fordern einen entschiedenen Einsatz für konkrete, soziale Ziele,, zum Beispiel für das Hilfswerk Misereor oder amnesty international, für die Abschaffung der Folter und der Todesstrafe. Sie fordern engagierte Hilfe für die Jugend, etwa beim Sport und in der Freizeit, oder auch für Drogengefährdete. Wenn sie von der Pfarrei wenig oder keine Unterstützung finden, gehen sie in die Jugendhäuser der Zivilgemeinden oder bauen in Eigeninitiative Gruppen auf. Manche stellen sogar ihren eigenen Wohnraum zur Verfügung und geben einen großen Teil ihres Einkommens aus, um jungen Menschen einen besseren Lebensweg zu ermöglichen. Andere gehen in die Strafvollzugsanstalten und arbeiten mit den straffällig Gewordenen gemäß dem Auftrag Jesu, die Gefangenen besuchen. Viele dieser Christen sorgen sich um die Lebensmöglichkeiten kommender Generationen. Sie sehen den Lebensraum späterer Menschen durch Atommüll, durch die Zerstörung der Landschaft und der Atmosphäre gefährdet. Sie engagieren sich in politischen Parteien oder in Bürgerinitiativen, weil sich – nach ihrem Eindruck – in diesen lebenswichtigen Fragen in unseren Pfarrgemeinden zu wenig christliches Gewissen regt. Andere stellen ihre Kraft in den Dienst des bedrohten Friedens. Manche dieser sozial besonders Engagierten sind im Gottesdienst kaum mehr zu sehen; aber in ihrem sozialen Engagement sind sie vielen Gottesdienstbesuchern voraus.

Jugendliche: Wie sehen sie sich selbst?

Wie die Erwachsenen denken und empfinden auch die Jugendlichen sehr verschieden. Die Jugend gibt es nicht. Je nach den Bedingungen, unter denen sie aufgewachsen sind in Familie, Umgebung, Schule und Pfarrgemeinde, erfahren sie sich selbst unterschiedlich.