Wewelsfleth

Das kleine rote Backsteinhaus liegt direkt am Deich, hinter winterlich kahlen Bäumen versteckt. Die Haustür ist nicht verschlossen. "Kommen Sie rein", ruft einer. Ekkehard Sachse hockt im Schneidersitz am warmen Kachelofen. "Setzen Sie sich zu mir." Vier Stunden ist er nachmittags durch die Wilster Marsch geradelt. Jetzt wärmt er die klammen Füße auf.

Eine Woche ist es her, daß rund 70 000 Menschen durch die Wilster Marsch zogen, um gegen den Bau des Atomkraftwerks in Brokdorf zu demonstrieren.

"Endlich ist der Belagerungszustand vorbei. Die Leute beruhigen sich, und manche schämen sich, weil sie den Demonstranten mit ihrer Schwarzmalerei unrecht getan haben." Seit dreizehn Jahren ist Ekkehard Sachse Bürgermeister der kleinen Gemeinde Wewelsfleth. Die Wewelsflether duzen ihn und nennen ihn Ekkehard.

Das Kernkraftwerk soll zwischen Brokdorf und Wewelsfleth entstehen. Sachse war von Anfang an dagegen. "Es ist ganz klar", meint er, "daß wir hier in der Gegend nicht ohne Industrie auskommen. Aber die Art und Weise, wie den Wilsterern 1974 plötzlich die Entscheidung über die Zukunft ihrer Heimat aus der Hand genommen wurde, konnte ich nicht widerspruchslos hinnehmen." Die Bürger in der Wilster Marsch haben in Selbstverwaltung und Eigeninitiative die Natur überlistet. Sie haben Windmühlen und "Wettern" gebaut, – Gräben, die für regelmäßige Bewässerung des fruchtbaren Marschbodens sorgen –, Schleusen, die das Land hinter dem Deich vor Überschwemmung schützen.

Seit acht Jahren argumentiert der 63 Jahre alte Bürgermeister gegen eine Wand aus Ignoranz und Verleumdung. "Volksschädling hat man mich im Dorf genannt, weil ich gegen das Kraftwerk bin." Er schenkt Tee ein und erzählt weiter. "1972 sollte die Wilster Marsch Naherholungsgebiet werden. Zwei Jahre später wurden die Pläne einfach über den Haufen geworfen. Man beruhigte uns, das Kraftwerk würde harmonisch in die Landschaft eingefügt. Das muß schon idyllisch sein, wenn die Liegewiese gleich neben dem Reaktor ist."

Auf die Frage, warum seine Mitbürger solche Angst vor den Brokdorf-Demonstranten hatten, erzählt Sachse: "Nehmen Sie nur mal unseren Ministerpräsidenten. Vor einigen Wochen lud er alle Bürgermeister der Gegend zu einem vertraulichen Gespräch ein. Wir erzählten ihm, welche heimlichen Ängste und Befürchtungen manche Bewohner hätten. Am nächsten Tag wußte die Bild-Zeitung zu berichten, daß Wilster Bauern durch Mord bedroht seien, daß Höfe angezündet und Geiseln genommen werden sollten. So kannman natürlich selbst Kernkraftgegner einschüchtern." Und er fügt hinzu, daß seine Mutter schon 1932 gegen Hitler auf die Straße gegangen sei. "Wüßte das Bild, würde das Blatt wahrscheinlich schreiben: Bürgermeister stammt aus Demonstranten-Elternhaus."