Von Michael Schwelien

Auslandsmüdigkeit" ist eines jener Schlagworte, das von Bildungspolitikern aller Parteien in letzter Zeit aufgegriffen wurde und sie regelmäßig zu sorgenvollen Betrachtungen über die heutige Jugend veranlaßt. Nicht genügend junge Leute, so die Klage, seien bereit, ihre Ausbildung durch einen Auslandsaufenthalt zu ergänzen, die Risikobereitschaft sei gesunken, und überhaupt habe diese Jugend nicht den Entdeckergeist früherer Generationen. Dabei würde ein Anruf beim Deutschen Akademischen Austauschdienst, dem DAAD, bei der Fulbright-Kommission oder bei einem x-beliebigen Konsulat genügen, um genau das Gegenteil festzustellen. Mehr Anfragen denn je über ein Studium in den Vereinigten Staaten registrierte beispielsweise das Amerika-Haus in Hamburg im vergangenen Jahr. Interesse, so sagt man dort, sei vorhanden, doch den meisten Bewerbern fehle das nötige Geld.

Kein Wunder: Die Studiengebühren an mehreren amerikanischen Universitäten liegen neuerdings über der "magischen Grenze" von 10 000 Dollar im Jahr. So verlangt jetzt Harvard 10 380 Dollar, danach kommt in der Rangliste der Guten und Teuren Yale mit 10 130 Dollar. Dem Princeton-Studenten bleibt ein schwacher Trost: Mit 9994 Dollar jährlicher Studiengebühren bleibt er noch knapp unter der 10 000-Dollar-Marge. Jobben ist zwecklos: Wer kann schon fast 2000 Mark im Monat allein für die Studiengebühren nebenbei verdienen, und in Amerika ist es ohnehin verboten.

Nur 440 Stipendien

Ohne ein Stipendium geht es also in den allermeisten Fällen nicht, doch Stipendien sind rar. Helge Frank, Maschinenbaustudent im sechsten Semester in Hannover, wollte in Amerika seine Fachkenntnisse im Bereich "Schienenfahrzeuge" vertiefen und natürlich Land, Leute und Sprache kennenlernen. "Doch die Verwirklichung meines Vorhabens scheiterte schon an der ersten Hürde: den Finanzen. Der DAAD fördert keine außereuropäischen Studien von Studenten, die ihr hiesiges Studium noch nicht beendet haben. Die von der deutschen und der US-Regierung gemeinsam getragene Fulbright-Stiftung lehnte meinen Antrag auf Förderung wegen Finanzmangels ab", schrieb uns der Student.

Trotz intensiven Nachfragens sei es ihm nicht gelungen, andere Finanzquellen aufzutun, und er fügt bitter hinzu, daß er sich "entschieden gegen die Meinung wendet, Trägheit und Risikoscheu seien für die geringe Zahl von im Ausland Studierenden verantwortlich".

Rund 70 000 Anfragen über einen Studienaufenthalt in Amerika gehen jedes Jahr beim DAAD, der Fulbright-Kommission und den Amerika-Häusern ein. 25 bis 30 Prozent der Anfragen, schätzen die Studienplatz-Vermittler, seien "negativ motiviert": Die Studenten wollen in die USA, weil sie hier mit dem Studium nicht zu Rande kommen oder weil sie über den Umweg Amerika in ein Numerus-clausus-Fach zu kommen hoffen.