Lernprozesse in Washington und Bonn: ein Fall unterhalb der Reizschwelle Bonn, im März

Und alles das für nichts? Für Hekuba?" Das Staunen Hamlets über die Fähigkeit, sich über das traurige Los einer sagenhaften griechischen Königin zu erregen, ähnelt der Verwunderung in den Regierungskanzleien Europas über die politische Prominenz, in die das ferne El Salvador hineinkatapultiert worden ist. Vor einem halben Jahr noch war der Bürgerkrieg in dem kleinen zentralamerikanischen Land eine Angelegenheit für Spezialisten, heute ist er Gegenstand fast hektischer internationaler Aktivität und Kristallisationspunkt politischer Emotionen.

So langsam die neue amerikanische Administration bei der Ausformulierung ihrer Außenpolitik ist, in El Salvador hat sie schon gehandelt, und in mehreren Informationswellen wurde den europäischen Partnern der fatale Einfluß eines von Kuba importierten linken Terrorismus vor Augen geführt. El Salvador war der Gegenstand von Gesprächen Bonner Politiker mit den Außenministern von Nicaragua und Costa Rica wie auch Konsultationen der Außenminister von Bonn, Paris und London. Abgesandte der Junta-Gegner berichteten in der Bundesrepublik von Greueln rechter Mordkommandos. Wie in Frankfurt, wo kürzlich 17 000 Demonstranten gegen den "Völkermord" in El Salvador auf die Straße gingen, so fanden jetzt fast überall in Skandinavien gegen die amerikanische Politik Protestaktionen statt. Die Schlagworte der Diskussion klingen ominös: Es drohe ein "zweites Vietnam", ein "amerikanisches Afghanistan", es handele sich um einen "Test der Bündnisloyalität".

Schnelle Urteile parat

Für nichts, für Hekuba? Ob es nun 10 000 oder 15 000 Tote sind, die das Morden gefordert hat (die Schätzungen schwanken) – furchtbar ist es gewiß, was in diesem Land von der Größe Hessens mit etwa fünf Millionen Einwohnern geschehen ist. Nur hat die internationale Politik schon höhere Leichenberge und massenhafteres Elend gleichmütig registriert. Warum die innen- und außenpolitische Erregung über El Salvador, warum das moralische Engagement?

Die erste, ein wenig zynische Erklärung lautet: El Salvador ist so weit entfernt und in der innenpolitischen Struktur so kompliziert, daß es leicht politische Projektionen erlaubt. Da ist eine Regierung, deren demokratischer, sozialreformerischer Teil unter Führung des Christdemokraten Duarte sich nur schwer vom Einfluß der alten Oligarchie zu lösen vermag; da gibt es eine Opposition, die von Christlichen Demokraten – die am Vermögen Duartes, sich gegen die rechten Mordkommandos durchzusetzen, verzweifelten – bis zu kalten Technikern des Guerillakriegs reicht.

Die einen schildern – zu Recht – Duartes Kampf gegen die Kräfte der alten Junta, für die er als "rechter Kommunist" gilt, oder verweisen auf seine Reformen, für die er hierzulande ein Fall für den "Radikalenerlaß" wäre: Verstaatlichung der Banken, Enteignung der Großgrundbesitzer. Die anderen betonen, daß die Reformen steckengeblieben seien und berufen sich – zu Recht – auf den ehemaligen US-Botschafter in Salvador, Robert White, nach dessen Meinung die Mehrzahl der Toten auf das Konto des rechten Terrors gehe und die wirkliche Gefahr eine Machtübernahme der Rechtsextremen sei. Noch gröber: Salvador sei ein neues Opfer der kommunistischen Weltrevolution oder hier kämpfe eine Befreiungsbewegung gegen ein vom US-Imperialismus gestütztes Regime. Da fällt es auch nicht schwer, die Gemäßigten in beiden Lagern als Marionetten der Militärjunta und der Guerillaführung zu beschreiben.