Paris

Voll fassungsloser Wut über das Leid in der Welt, erbarmungslos mit den Gegnern, voll zärtlicher Offenheit den Freunden gegenüber das war Libération, zu deutsch "Befreiung". Acht Jahre nach ihrem ersten Erscheinen ist die französische Zeitung der Veteranen des Mai, der Anarchos und Linken nun am eigenen Erfolg zerbrochen. Bei steigender Auflage und wachsender Zahl der Mitarbeiter verlor das redaktionelle Durcheinander, das auf wunderbare Weise Tag für Tag eine neue Ausgabe gebar, an Fröhlichkeit, wurde zur schmerzhaften Schinderei und hatte schließlich nichts mehr von dem angestrebten "kreativen Gemeinschaftserlebnis".

Immer unruhig immer auf der Suche nach einer antiautoritären Arbeits- und Lebensweise, die dem einzelnen Mitarbeiter jede Freiheit läßt, hat die Generalversammlung von Liberation Ende Februar nach einer langen Nacht bitterer Diskussion schließlich beschlossen, das Erscheinen des Blattes vorläufig einzustellen. Um neu anzufangen.

Diese Entscheidung kam in einem Augenblick, als das respektlose Blatt zum erstenmal ohne die Furcht leben konnte, in den nächsten Tagen vor dem finanziellen Zusammenbruch zu stehen. Mit einem Jahresumsatz von 25 Milliarden Francs, 150 festen Mitarbeitern und einer verkauften Auflage von täglich 45 000 Exemplaren war die Zeitung die Geldsorgen der Anfangszeit los.

Der mit Mehrheit beschlossene Neubeginn indes steht unter Vorzeichen, die den egalitären Grundsätzen der alten Libération hohnsprechen. Die Redaktionsversammlung beauftragte den Kopf der Gruppe, Serge July, nach eigenem Gutdünken eine neue Mannschaft zusammenzustellen. Entlassungen werden unvermeidlich folgen, und damit ziehen bei Libé Verhaltensweisen ein wie in jedem beliebigen Unternehmen. Fraglich ist außerdem, ob die Zeitung auch nach ihrem Wiedererscheinen ohne Anzeigen auskommen will und ob der Einheitslohn von zuletzt 1700 Mark bleibt, den jeder Mitarbeiter, ob Bote oder Redakteur, erhielt.

Für viele bei Libé ist ein Traum zu Ende gegangen, und keiner weiß so recht, ob das Blatt die selbstverordnete Zwangspause überleben wird. Zunächst sieht es so aus. Nur eine Minderheit Ihrer Leser hat in den ersten Tagen ohne Liberation andere Morgenzeitungen gekauft, und die Redaktion wurde mit bitterbösen Briefen überschwemmt, die alle forderten, die Redaktion möge ihre Streitigkeit austragen, wo immer sie wolle, aber die Zeitung gefälligst weiter erscheinen lassen.

Die politische Richtung von Libération jedenfalls soll sich nicht ändern, mit dem bürgerlich konservativen Giscard d’Estaing soll weiterhin ebenso hart ins Gericht gegangen werden wie mit dem orthodoxen Kommunistenchef Georges Marchais. Auch die radikaldemokratische Einstellung zum Recht der Minderheiten auf ihre besondere Lebensweise wird bleiben.