Die immerhin recht erkleckliche Summe von 37 Milliarden Mark haben reisefreudige deutsche Urlauber im vergangenen Jahr ins Ausland getragen. Das war ein Rekord. 28,6 Milliarden Mark tief war das Loch in der internationalen Leistungsbilanz der Bundesrepublik Deutschland. Das war ebenfalls ein Rekord. Muß die Auslands-Reiselust eingedämmt werden?

"Deutsche Auslandsurlauber: Paladine des Exports oder vaterlandslose Bankrotteure?" so pointierten wir die Frage, die Thema des diesjährigen ZEIT-Reiseforums während der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin war. Sollen die Deutschen ihr Geld ins Ausland tragen, um unseren Nachbarländern die Devisen für deutsche Exportgüter Zu bringen, oder sollen die Deutschen dazu verdonnert werden, samt ihren Milliarden im eigenen Land zu bleiben, um somit beizutragen, das Loch in der Leistungsbilanz zu stopfen? In Berlin diskutierten: Anneliese Albrecht, Staatssekretärin im Handelsministerium, Wien; Wolfgang A. Hofer, Präsidialmitglied im Bundesverband Groß- und Außenhandel; Dr. Hans Glaser, Geschäftsführung Deutsches Reisebüro; Heinrich Holkenbrink, Wirtschaftsminister in Rheinland-Pfalz; Wolfgang Roth, MdB, SPD-Präsidiumsmitglied; Dr. Rudolf Herlt, ZEIT-Wirtschaftsredakteur.

Die Frage, ob man deutsche Urlauber mit dirigistischen Maßnahmen wie zum Beispiel Devisenbeschränkungen am Reisen ins geliebte Ausland hindern könne, wurde mit einer Einstimmigkeit beantwortet, wie sie bei Podiumsdiskussionen sonst selten ist. Unisono hieß es: Man kann nicht. Das freie Reisen gehöre fast schon zu den Menschenrechten, konstatierte Anneliese Albrecht, Devisenbeschränkung wäre ein Eingriff in die Freizügigkeit, in den Stellenwert unserer Freizeit, meinte Hans Glaser, und Wolfgang Roth fand schnell zur Wertung des Devisenthemas: "Ich halte die ganze Debatte für groben Unfug und bedaure, daß einzelne Politiker offenbar die Möglichkeit sahen, über diesen Aspekt in die Schlagzeilen zu kommen." Er hielt denn auch die Zeit für gekommen und das Forum für geeignet, den Komplex "Devisenbeschränkung" endgültig zu begraben: "Was wir machen könnten, daß wir ein für allemal sagen, das war Unfug, jetzt danken wir mal der ZEIT, daß sie mit diesem Unfug Schluß gemacht hat."

Keinerlei Devisenbeschränkungen

Denn klar waren sich alle Beteiligten auch darüber, daß es einem exportorientierten Land wie der Bundesrepublik schlecht anstünde, hysterisch nach; dirigistischen Maßnahmen- rufen. "Den Tourismus zu kappen, würde uns noch mehr am Exportieren hindern", bemerkte Heinrich Holkenbrink. Anneliese. Albrecht verdeutlichtedies mit Zahlen: Österreich habe von seinem Handelspartner Nummer eins, der Bundesrepublik, im Jahre 1980 Waren im Wert von 129 Milliarden Schilling importiert, während es nur für 70 Milliarden selbst dorthin, exportiert habe. Das österreichische Handelsbilanzdefizit werde zu 48 Prozent aus den Tourismuseinnahmen gedeckt: "Nur wenn wir Devisen kriegen, können wir auch bei Ihnen kaufen."

Ein Problem also war bald vom Diskussionstisch: "Für die SPD-Fraktion kann ich klipp und – klar sagen", bekräftigte Wolfgang Roth, "wir werden keinerlei Devisenbeschränkungen vorse-Iren." Was blieb, war das Loch in der Leistungsbilanz. Wer aber, wenn nicht die eifrigen Auslandsreisenden, ist schuld an der Misere? Und – wie kann sie behoben werden? Hans Glaser brachte das Thema auf den Punkt: "Die Ölverteuerung ist doch das eigentliche Problem. Eine Diskussion,, die sich über die Energieprobleme abspielen sollte, wird auf den Freizeitmarkt verlagert." Von dort allerdings brachten sie die Diskussionsteilnehmer schnell fort. Das Gespräch kam dorthin, wo es hingehört: von den sonnigen Gefilden palmenverbrämter Strände in die zugegeben weniger sonnigen, rauhen Zonen wirtschaftlichen Zwänge. Von nun an war der Bereich Tourismus – der zwar immerhin weltweit, gelegentlich aber weltfremd ist – in einer ganz anderen Dimension als der des problemlosen Ausruhens. Er war plötzlich eingebunden in den Kontext wirtschaftlicher Realitäten – und Kalamitäten. "Wir können die Leistungsbilanz nicht ausgleichen", zitierte Wolfgang Hofer Wolf von Amerongen, "indem wir Bezugsscheine auf dem Sektor Tourismus ausgeben." Was aber kann uns dann helfen, unsere Leistungsbilanz ins rechte Lot zu rücken?

Vom Podium waren folgerichtig nicht mehr Vokabeln wie "verreisen", "erholen", "verdienter Urlaub" zu hören, sondern Worte wie "Produktivität", "Liquidität", "Investitionen". Denn um die so immens gestiegenen Öl preise zu bezahlen, um auszugleichen, was die Urlauber ins Ausland bringen, muß unter anderem-noch mehr exportiert werden. Und um noch mehr zu exportieren, muß die Bundesrepublik wettbewerbsfähig bleiben. Daß es daran leider mittlerweile ein wenig hapert, ist bekannt. Wolfgang Hofer und Rudolf Herlt erinnerten einmal mehr an die hohen Arbeitslöhne – sie liegen an der Spitze der Weltskala –, Herlt verwies überdies darauf, daß die deutsche Industrie auf dem Felde der Technologie nicht mehr die Nase vorn habe wie früher, sondern auf potente Konkurrenten stoße, forderte deshalb, "wir müssen den technologischen Vorsprung zurückgewinnen", und stellte ein weiteres Problem noch einmal heraus – die auf Grund mangelnder Investitionen gesunkene Produktivität: "Weil die Investitionen nicht mitgehalten haben, geht die Produktivität – die Leistung pro Beschäftigtenstunde – zurück."