Es war Mittag, und zwischen den mächtigen Blumenkästen quoll Bratenduft aus den kleinen Fenstern der Gasthöfe am Straßenrand. Wir kamen von Norden, auf der B 35, durch den hügeligen Kraichgau, das milde Bauernland zwischen Heidelberg und Pforzheim. Ein paar schläfrige Hühner scharrten gelangweilt im Staub, als wir den romanischen Torturm zum Klosterbezirk passierten – eine schwäbische Idylle von fast unwirklichem Frieden.

Schöne Dörfer und Klöster gibt es in Württemberg viele; mir scheint, Maulbronn ist die Perle unter ihnen. Wenn die Sonne zaghaft über den Sandstein der Basilika wandert und die behäbigen Fachwerkbauten lange Schatten auf das Pflaster des Klosterbezirks werfen, dann spürt man etwas vom Herbst, des Mittelalters.

Längst sind die Mönche vertrieben, nachdem "viel Trunk und Völlerei die Sitten gentzlich verderbt" hatten, wie ein zeitgenössischer Chronist lamentierte. In der ehemaligen Klosterschmiede bewirtet heute weltliches Personal die durstigen Besucher aus Minnesota oder Marl-Hüls, und spätestens beim dritten Glas Elfinger Wein kramt der Führer eine bewährte Anekdote aus: Als die strengen Regeln der Zisterzienser noch beachtet wurden, war den geistlichen Herren an hohen Festtagen allein erlaubt, die Finger in ein Becken voll Wein zu tauchen und abzuschlecken. Soll einst ein durstiges Pfäfflein sehnsüchtig geseufzt haben: "Elf Finger müßte man haben." Daher der Name des vorzüglichen Klosterweins, eines hellen Traminers von erdigem Geschmack.

Hinter dem riesigen Getreidekasten, wo einst Bierbrauer, Winzer und Handwerker zum Wohl der geschäftstüchtigen Mönche arbeiteten, liegt die eigentliche Klosterstadt, von Mauern und Türmen umgeben: Basilika und Konventsgebäude sind spätromanisch – mit zahlreichen gotischem Zutaten.

Nur die zarten Malereien im Innern sänftigen ein wenig den asketischen Geist der Zisterzienser des Gründungsjahres 1147 stilisiertes Blattwerk in den Farben Grün, Silber und Blau umrahmt die zerbrechlich wirkenden Sandsteinrippen. Die Gewölbefresken in der hochgotischen Brunnenkapelle werden keinem Geringeren alt Meister Jörg Ratgeb aus Schwäbisch Gmünd zugeschrieben. Für kurze Zeit seines bewegten Lebens stand Ratgeb im Dienst der Maulbronner Konventsherren und beschenkte sie mit Malereien von frappierendem Naturalismus. Später ist der phantasievolle Künstler – als Sympathisant der phantasievolle Bauern in Pforzheim – gevierteilt worden.