Kunst kommt von Gönnen. Ohne Kulturförderung könnten viele Künstler kaum existieren. Ohne die Theateretats zum Beispiel gäbe es kein Theater. So haben wir also einen Kultursubventionismus. Wir brauchen einen. Aber vielleicht einen anderen als den, den wir haben. Denn dieser nährt eine wachsende und zufriedene Schar von Kulturbeamten. Sie verrichten ihre Arbeit ordentlich. Aber als Gottheit verehren sie den Parkinson und nicht Thalia oder eine der anderen Musen.

Parkinson stammt nicht aus Wien, aber man kennt ihn dort gut. In der alten Hauptstadt der ehemals riesigen Monarchie und der nunmehr kleinen Republik gibt es viel Platz für Behörden und Institutionen. Viele davon fördern aus Tradition die Kultur, und nicht nur die Staatsoper, sondern auch die Literatur. Der Salzburger Residenz Verlag, der wichtigste literarische in Österreich, erhält regelmäßig Druckkostenzuschüsse zwischen drei- und fünftausend Mark pro Buch. Es gibt viele Stipendien und Preise, mehr als in Deutschland, und literarische Zeitschriften werden vielfältig subventioniert.

Vielleicht ist das der Grund dafür, daß erst jetzt, zehn Jahre nach Heinrich Bölls Aufruf zum "Ende der Bescheidenheit", die österreichischen Schriftsteller das nachholen, was ihre deutschen Kollegen vorexerziert haben. Sie wollen nicht länger abhängig sein von Subventionsgnaden. Auf ihrem ersten Kongreß in Wien forderten sie das, was ihnen zusteht: den "Bibliotheksgroschen", das Ende der honorarfreien Texteverwertung in Schulbüchern, die Teilhabe an der staatlichen Alters- und Krankenversicherung, höhere Honorare und vieles andere mehr.

Die 600 versammelten Autoren beschlossen auch, sich eine starke Organisation und Verfassung zu geben. Doch beschlossen ist leichter als getan. Wie damals bei uns hieß auch in Wien die Frage: Gewerkschaft ja oder nein. Aber ehe die meisten richtig wußten, was gespielt wurde, hatte der Kongreß, unter Führung des listigen, ungemein organisationstalentierten Günther Nenning, der zugleich Präsident der Journalistengewerkschaft ist, sein Votum für den Gewerkschaftsbeitritt abgegeben. Milo Dor, der an den Vorbereitungen wesentlich Beteiligte, trat zurück und ward nicht mehr gesehen. Hilde Spiel beklagte das, aber ohne Angabe einer Adresse.

Das nicht recht durchschaubare Spiel der Interessen und Intrigen weckte Wut. Franz Innerhofer protestierte erfolglos gegen die Kongreßbürokratie, Erich Fried riß einem Zwischenredner zornig das Mikrophon weg. Marie-Therese Kerschbaumer schmiß vom Podium ihr Wasserglas ins Getümmel, Christian Ide Hintze überschüttete die Schlußveranstaltung mit einem abenteuerlichen Lamento über das Elend der Autoren und die Ignoranz der Politiker, Michael Scharang schimpfte die Kulturbürokratie "den letzten Dreck" – und während alldem saßen sie stumm da, die Parteioberen, Gewerkschaftsbosse, Minister, Bürgermeister, die redlichen Kulturfunktionäre ("Wir sind doch Verbündete", sagte Unterrichtsminister Sinowatz). Sogar Bundeskanzler Kreisky hatte zur Eröffnung ungefähr drei Sätze gebrummt, die man bei gutem Willen als Begrüßung verstehen konnte, und war dann verschwunden.

Der Schriftstellerkongreß, genauer: seine Initiatoren hatten das Bündnis mit der Macht versucht. Aber im monströsen Festsaal des Wiener Rathauses, eine Bahnhofshalle, wo die Schriftsteller saßen, ohne zu wissen, welchen Zug sie nehmen oder ob sie lieber zu Fuß gehen sollten wie bisher, in Wien wurde vielen klar, was dieses-Bündnis heißt: sich einzulassen auf Paragraphen, Apparatschiks, Tagesordnungen. "Es riecht hier so unangenehm nach Ordnung", sagte, besorgt auf die spätgotische Pracht blickend, Peter Rosei. Kunst kommt nicht nur von Gönnen. Es ist schwer, beides zu haben: die Rente und die Freiheit. Ulrich Greiner