Von Sebastian Haffner

Was Craigs Ausführungen so schneidend, so tief verletzend macht", schrieb Karl Heinz Bohrer, als die englische Originalausgabe von Gordon A. Craigs Geschichte des Deutschen Reichs erschien, "ist das Ausmaß der politischen Barbarei im deutschen 19. Jahrhundert, das er ohne Polemik hervorkehrt, bei dem sich, ob der Autor es nun will oder nicht, aber gewisse Parallelen nicht nur zu Hitler, sondern sogar zu heute aufdrängen. Vor allem drei Elemente, die Hitler erst ermöglichten und erklären, erscheinen in diesem Licht erschreckend konstant: nämlich die Bereitschaft deutscher Regierungen und der konservativen Elite zum rechten Staatsstreich, das mangelnde politische Selbstbewußtsein und die fehlende Bereitschaft zur Opposition bei den bürgerlichen Parteien und schließlich die legalisierte, brutale Unterdrückung, ja Zerstörungsversuche gegen linke Gruppen und Individuen."

Nun ist es ja aber so: Die Staatsstreichpläne Bismarcks und Wilhelms II. in den 1890iger Jahren blieben immer bloße Gedankenspiele, die der Verwirklichung niemals nahekamen. Die beabsichtigte legale Unterdrückung der Linken durch die "Aufruhr"- und "Zuchthaus"vorlagen scheiterte; und zwar scheiterte sie an der Opposition der bürgerlichen Parteien im Reichstag, zu der die Bereitschaft also keineswegs fehlte. Und das wird auch alles von Craig getreulich berichtet. Interessant bleibt, daß sich der Eindruck, den Karl Heinz Bohrer wiedergibt, trotzdem einstellen kann und vielleicht sogar einstellen soll. Denn das stimmt schon, daß Craig mit dem Deutschen’Kaiserreich wenig Sympathie hat und seine negativen Seiten gern "hervorkehrt" – ohne Polemik, wie Bohrer richtig bemerkt, sogar mit betonter Fairneß. Aber es ist eine eher feindliche Fairneß, die das negative Urteil nur verstärkt. "Give him a fair mal and hang him", lautet eine englische Redensart.

Inzwischen liegt Craigs gewichtiges Werk auch deutsch vor, sehr gut und lesbar übersetzt von Karl Heinz Siber:

Gordon A. Craig: "Deutsche Geschichte 1866 bis 1945. Vom Norddeutschen Bund bis zum Ende des Dritten Reiches"; C. H. Beck Verlag, München 1980, 806 S., 58,– DM.

Das Buch ist als ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung gerühmt worden, und auf eine vielleicht etwas altmodische Weise ist es das. Ich meine das Wort "altmodisch" keineswegs als Tadel. Ich denke dabei an Macaulays Ausspruch, seine englische Geschichte sollte so spannend zu lesen sein wie ein Roman. Macaulays Erzählkunst hat ja in der angelsächsischen Geschichtsschreibung ein bis heute wirksames Vorbild gesetzt, und Craig steht als Erzähler würdig in dieser großen Tradition. Sein Buch ist ein Lesevergnügen, was man von vielen der heute modischen Geschichtsanalysen und Geschichtsdeutungen nicht sagen kann, und die Zeit, die man an die 800 Seiten zu wenden hat, vergeht wie im Fluge.

Alles wird lebendig, keine Person tritt auf, ohne knapp und einprägsam charakterisiert zu werden, das vergessene politische und diplomatische Intrigenspiel von einst wird wieder spannend gemacht, und die ungeheure Detailfülle – Craig geht sehr ins Detail – ist mit Meisterhand arrangiert und komponiert, so daß der Leser nie den Überblick verliert. Nicht zu vergessen: Jedes Detail stimmt. Craig beherrscht seinen Stoff souverän. Und er geht so souverän damit um wie der allwissende Erzähler eines klassischen Romans, der überall dabei ist, jeder handelnden Person ins Herz sieht und, ohne sich vorzudrängen, die Sympathien und Antipathien des Lesers klug zu lenken weiß. Alles meisterhaft; und alles ein wenig altmodisch, im besten Sinne.