Von Gerhard Prause

Als Jesus zum Passahfest ging, an dem er sterben sollte – vielleicht war es im Jahre 30, was aber durch nichts belegt ist –, quartierte er sich in dem Dorf Bethanien bei Jerusalem ein. Dort wohnte jener Lazarus mit seinen Schwestern Martha und Maria, den Jesus einige Zeit zuvor von den Toten auf erweckt hatte, nachdem Lazarus schon mehrere Tage im Grabe gelegen hatte. Sechs Tage vor dem Passah kam Jesus an, sagt Johannes, und "dort bereiteten sie ihm ein Gastmahl, und Martha besorgte die Bedienung; Lazarus aber war einer von denen, die mit ihm zu Tische saßen".

Auf jenem Gastmahl erschien eine Frau, die Jesus mit einem Pfund kostbarer Salbe, die sie in einem Alabastergefäß brachte, die Füße salbte. Markus und Johannes betonten ausdrücklich, daß es echte Nardensalbe war. Judas Ischariot und andere ärgerten sich über eine solche Verschwendung: "Warum wurde diese Salbe nicht für dreihundert Denare verkauft und (der Erlös) den Armen gegeben?" Aber Jesus sagte: "Laßt sie! Was betrübt ihr sie? Sie hat eine schöne Tat an mir getan... Sie hat im voraus meinen Leib zum Begräbnis gesalbt..."

Wer diese Frau war, wird nicht ganz deutlich. Nur Johannes nannte ihren Namen: Maria. Markus und Matthäus sprachen nur von "einer Frau". Lukas nannte sie eine Sünderin. Allgemein wird angenommen, daß Johannes mit Maria die eine der zwei Schwestern des Lazarus gemeint hat. Möglicherweise war es irgendeine Maria aus dem Kreis von Jesu Jüngern. Es zogen stets auch Frauen mit Jesus. Manche Theologen meinen, daß die Maria, die Jesus in Bethanien die Füße salbte, identisch war mit Maria aus Magdala am See Genezareth, der Jesus sieben Dämonen ausgetrieben, sie also von Krankheit und Sünde geheilt hatte.

Jesus war nicht prüde

Diese Maria Magdalena, ursprünglich wohl eine Sünderin, ein "gefallenes Mädchen", hatte Jesus in seinen Kreis aufgenommen. Sie begleitete ihn nach Jerusalem, sie stand neben seinem Kreuz, als er starb, und sie war – nach dem Evangelium des Johannes – die erste, die den Auferstandenen sah. Auf Grund einer Stelle in dem als apokryph geltenden "Thomas-Evangelium ist sogar behauptet worden, Maria Magdalena sei Jesu Geliebte gewesen. Aber für eine solche Vermutung, meint der englische Historiker Michael Grant, "gibt es ebensowenig eine Rechtfertigung wie für den Gedanken, daß Jesus mit: dem Jünger Johannes eine homophile Beziehung, gehabt habe".

Für den sexuellen Bereich seines Lebens gibt es keinerlei Anhaltspunkte, sagt Grant, aber es gibt auch keinen Grund anzunehmen, daß er gegenüber der Beziehung der Geschlechter eine prüde Haltung eingenommen habe wie etwa Paulus. Und weiter: "Man kann jedoch sagen, daß Jesus Umgang mit Frauen hatte und ihnen mit einer Freimütigkeit erlaubt hat, eine Rolle in seinem Leben zu spielen, die ihn scharf von anderen jüdischen Lehrern unterscheidet."