Ein neuer "Mephisto" und andere Entdeckungen

Von Hans c. Blumenberg

Es könnte schlechter sein in Ungarn", befand im Sommer 1979 sogar der gestrenge Herr Reißmüller von der FAZ, die ja mit dem, was man’so den "real existierenden Sozialismus" nennt, gemeinhin wenig zu schaffen hat. Der Stern entdeckte in und um Budapest eine Art von osteuropäischem Schlaraffenland, dessen Bewohner nach der Devise "Genieße, Genosse" im "Konsumrausch" schwelgen: "Bolsche vita total" nach Illustriertenart.

Wohl nicht nur auf diesen Blick ist der ungarische Sozialismus anders als der in Moskau, Prag, Warschau oder Berlin (Ost). Der kluge Janos Kadar, der gelegentlich bemerkt, er fürchte nur zweierlei: die Macht und seinen Zahnarzt, hat nach den blutigen Ereignissen von 1956 sehr langsam und sehr vorsichtig versucht, "die allgemein gültigen Gesetze des sozialistischen Aufbaus in Einklang mit den nationalen Eigenheiten zu bringen." Das ungarische Modell erlaubt mehr bürgerliche Freiheiten als anderswo östlich der Elbe, es schließt private Wirtschafts-Initiativen ein, es hält Dissidenten (die es natürlich auch gibt) unaufgeregter aus als gemeinhin im Ostblock üblich. Man liest zwar gelegentlich von Spannungen zwischen den Intellektuellen und der Partei, aber Hexenjagden wie in der ČSSR oder in der DDR hat es nicht gegeben.

Wenn man über die breiten Boulevards von Pest schlendert (das hügelige Buda liegt auf der anderen Seite der Donau), merkt man Unterschiede: Kein Einheimischer versucht den westlichen Besucher in einen dunklen Hauseingang zu ziehen, um seine Forinth gegen harte Devisen zu tauschen. Keine Flut von Transparenten mit martialischen Losungen verschandelt das Straßenbild. Es gibt fast alles zu kaufen, auch eine offizielle deutsch-englische Tageszeitung ("Daily News" / "Neueste Nachrichten"), die von der ungarischen Nachrichtenagentur MTI herausgegeben wird und erheblich mehr Meldungen der westlichen Agenturen AP, UPI, Reuter und DPA enthält als solche von TASS und ADN.

Kojak in Budapest

Die ungarischen Freiheiten kommen auch dem Angebot in den 3100 Kinos des Landes zugute, von denen 2000, mit 16-Millimeter-Projektoren ausgestattet, das Hinterland bis in die kleinsten Dörfer versorgen. Große Hollywood-Produktionen (von "Star Wars" über "Alien" bis zu "Apocalypse Now") sind ebenso zu sehen wie die Spezialitäten des deutschen Films. Für 1981 plant man den Start von Fassbinders "Ehe der Maria Braun", Noevers "Preis fürs Überleben", Fleischmanns "Hamburger Krankheit". Herzogs "Woyzeck" ist gerade in Budapest angelaufen. Die allerteuerste Kinokarte kostet in der Hauptstadt 15 Forinth (rund eine Mark zwanzig) und kann so preiswert angeboten werden, weil der Staat; jeden Kinobesuch noch einmal mit der Kaufsumme des Billetts subventioniert.