Der neue Chef der "Times": ein dramatischer Wechsel

Von Karl-Heinz Wocker

Es ist die Erfolgsstory, die jeder gern liest und keiner recht glaubt: Der Sohn eines Lokomotivführers wird mit 16 Jahren Reporter irgendwo in der Provinz und schafft es bis zum Chefredakteur der Times. Ganz so einfach lief es denn auch nicht. Da wurde schon ein Studium nachgeholt, da lag ein Stipendium in den USA dazwischen, da gab es längere Aufenthalte an mehreren Stationen journalistischer Reputierlichkeit und nicht Sprünge von Höhe zu höherer Höhe. Die satirische Wochenzeitschrift Private Eye stellte den Werdegang von Harold Evans so dar:

"Als Sohn eines schlichten Nietenschweißers verblüffte er seine Eltern im Alter von drei Jahren durch das Erfinden der Druckpresse, wodurch die westliche Zivilisation in einer bislang nicht dagewesenen Weise revolutioniert wurde. Als er zehn war, wurde bereits deutlich, daß seine außergewöhnlichen Gaben ihn in mindestens einem Dutzend verschiedener Berufe an die Spitze bringen würden, von der Atomphysik bis zur modernen Gehirnchirurgie. Aber der kleine Harold blieb seiner ersten Liebe treu – dem geschriebenen Wort. Mit zwölf überraschte er seine Klassenkameraden auf der St. Parkinson’s Oberschule für Knaben in Oswaldtwistle, indem er eines Morgens ankam und verkündete: ‚Guckt euch das an, Jungs.‘ Vor ihren erstaunten Augen heilt er ein kleines, rußiges Blatt empor: die Welt-Erstausgabe der Sunday Times."

Seit man Punch nur noch im Wartezimmer des Zahnarztes ertragen – manche sagen: auch nur noch dort finden – kann, gibt Private Eye in Fleet Street die Einsätze zu Lachsalven. Der Artikel über "Harry" Evans stand in einer Nummer, die auch erste Vorschläge für die künftige Gestaltung der Times anbot. Deren neuer Verleger, der Australier Rupert Murdoch, wird von den Chauvinisten bei Private Eye nur der "dirty digger" genannt, der also im Schmutz nach Gold gräbt, was sich auf seine Massenblätter Sun und News of the World bezieht. Die Branche spekuliert, wie lange es die beiden Temperamentsbündel Evans und Murdoch wohl miteinander aushalten werden.

Evans hat alles, was zum Journalismus zu sagen ist, in Büchern und Fernsehserien von sich gegeben. Dabei benutzt er eine Sprache, die seinem Vorgänger, William Rees-Mogg, nicht nur nie in die Feder gekommen, sondern von ihm wahrscheinlich auch gar nicht verstanden worden wäre. Die britische Presse reiche – so Evans – "from the sublime to the gorblimey", also vom Erhabenen zum Lächerlichen, aber das wäre Rees-Mogg-Englisch. Gorblimey, wohl von God blimey (bless me) kommend, hat mehr Verwünschendes als Segenerflehendes. Vom Erhabenen zum Lästerlichen – so muß es wohl heißen. Ausdrücke wie "dullards" (Dummköpfe) oder "bezazz" (Trubel) tauchen in jeder zweiten Spalte eines Evans-Artikels auf.

Weniger Donner, mehr Blitze