Geben Sie Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter, Ihrem Ehegatten oder Ihrem Freund ein Blatt Papier und einen Bleistift und diktieren Sie einen Text, wie es kürzlich Handelskammern in Nordrhein-Westfalen für Berufsanfänger taten: "Achtloses Vergeuden von Energie und das Wegwerfen von Müll – seien es Verpackungen wie Einwegflaschen oder Plastikbehälter, seien es Papier, Blech, Kunst- oder Zellstoff – sind typische Erkennungszeichen unserer Zeit. Natürlich gehen so viele Rohstoffe verloren, zu deren Verarbeitung – nebenbei gesagt – auch viel Energie verschwendet werden mußte. Diese Verschwendung wird sich kein Land der Erde auf Dauer leisten können. Findige Ingenieure haben Methoden entwickelt, solche Abfälle zu neuen Rostoffen aufzuarbeiten. So werden zum Beispiel Flaschen gesammelt und der Glasindustrie erneut zugeführt. Metalle werden wieder eingeschmolzen, alte Reifen, die man fein zerstückelte, werden als Unterschicht zu Sportplatzbelägen sinnvoll genutzt. Diese umweltfreundliche Wiederverwendung von eigentlichen Abfällen wird mit ‚Recycling‘ – Rückführung in den Wirtschaftskreislauf – umschrieben. Wir alle sind aufgerufen, mit Materialien wirtschaftlich umzugehen."

Punkte, Anführungsstriche und Gedankenstriche müssen Sie mitdiktieren, das Wort "Recycling" sogar buchstabieren.

Sollte Ihr "Prüfling" bei diesem kurzen Diktat weniger als zehn Fehler gemacht haben, dann dürfen Sie ihm gratulieren. Viele von insgesamt 5700 Schulabgängern, denen fünf nordrhein-westfälische Industrie- und Handelskammern kürzlich diesen Test vorgelegt hatten, schnitten nämlich wesentlich schlechter ab. Besonders die Hauptschüler: 57 Prozent machten mehr als zehn Fehler beim Diktat. Bei den Gesamtschülern wiesen immer noch 37 Prozent ein "unzureichendes" Ergebnis vor, wobei zu ergänzen ist, daß in NRW Gesamtschulen häufig nur verkappte Hauptschulen mit der Möglichkeit eines Realschulabschlusses sind. Dagegen versagten nur vier Prozent der Realschüler und die Gymnasiasten gar blieben allesamt unter der Zehn-Fehler-Quote.

Die Berufsanfänger mußten auch ihre Rechenkünste unter Beweis stellen, und damit sah es noch schlechter aus. Weniger als 50 von 100 möglichen Punkten erreichten 51 Prozent der Hauptschüler, 17 Prozent der Realschüler und 52 Prozent der Gesamtschüler. Eine Aufgabe, an der die meisten scheiterten: "Sollte die monatliche Miete von 360 Mark um 8,5 Prozent erhöht werden, wieviel Miete wäre dann zukünftig zu bezahlen?"

Freuen kann man sich nur über die Mädchen. Sie schnitten weitaus besser ab als die Jungen. Ob ihnen das hilft, wenn sie eine Lehrstelle suchen?

Schon seit geraumer Zeit hören wir die Klage, besonders aus dem Munde von Personalchefs: "Die Schüler werden immer schlechter!" Die Testergebnisse scheinen ihnen recht zu geben. Mit Trendaussagen allerdings sollte man vorsichtig sein – zumal, wenn Vergleichsdaten überhaupt nicht zur Verfügung stehen. Die nordrhein-westfälischen Handelskammern haben ihren Test schließlich zum erstenmal veranstaltet. In Hessen geschieht dies seit 1976, und die Ergebnisse schwanken: Mal sind sie besser, mal schlechter.

Dennoch machen die Resultate aus Nordrhein-Westfalen nachdenklich, und unsere Bildungspolitiker müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie nicht – absichtlich oder fahrlässig – die Hauptschule zur Restschule haben verkommen lassen. Die Leidtragenden sind jedenfalls die Schüler. In ihrem Interesse müssen sich die Bildungspolitiker entscheiden: Entweder man treibt ganz entschieden die steckengebliebene Reform zu tatsächlich integrierten Gesamtschulen voran oder man erklärt die Hauptschule ehrlicherweise zur Sonderschule für problematische Kinder. Sie müßten dann aber auch besonders gefördert und nicht, wie jetzt, einfach vergessen werden.

Peter Pedell